II-II, q. 162 a. 7
Ob der Stolz die erste aller Sünden ist?
Quaestio 162 · Vom Hochmut
Einwand 1: Es scheint, dass der Stolz nicht die erste aller Sünden ist. Denn das Erste bleibt in allem Folgenden erhalten. Nun begleitet der Stolz nicht alle Sünden, noch ist er der Ursprung aller: denn Augustinus sagt (De Nat. et Grat. xx), dass viele Dinge „falsch getan werden, die nicht mit Stolz getan werden.“ Also ist der Stolz nicht die erste aller Sünden.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Sir 10,14), dass der „Anfang des ... Stolzes ist, von Gott abzufallen.“ Also geht das Abfallen von Gott dem Stolz voraus.
Einwand 3: Ferner scheint die Ordnung der Sünden der Ordnung der Tugenden zu entsprechen. Nun ist nicht die Demut, sondern der Glaube die erste aller Tugenden. Also ist der Stolz nicht die erste aller Sünden.
Einwand 4: Ferner steht geschrieben (2 Tim 3,13): „Böse Menschen und Verführer werden immer schlimmer werden“; so dass anscheinend der Anfang der Bosheit des Menschen nicht die größte der Sünden ist. Aber der Stolz ist die größte der Sünden, wie im vorangehenden Artikel dargelegt. Also ist der Stolz nicht die erste Sünde.
Einwand 5: Ferner kommen Ähnlichkeit und Vortäuschung nach der Wirklichkeit. Nun sagt der Philosoph (Ethic. iii, 7), dass „der Stolz die Tapferkeit und Kühnheit nachäfft.“ Also geht das Laster der Kühnheit dem Laster des Stolzes voraus.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Sir 10,15): „Stolz ist der Anfang aller Sünde.“
Ich antworte darauf, dass das Erste in jeder Gattung das ist, was wesentlich ist. Nun wurde oben (Artikel [6]) dargelegt, dass die Abwendung von Gott, welche die formale Vollendung der Sünde ist, dem Stolz wesentlich zukommt, und anderen Sünden als Folge. Daher kommt es, dass der Stolz die Bedingungen eines Ersten erfüllt und „der Anfang aller Sünden“ ist, wie oben dargelegt (FS, Quaestio [84], Artikel [2]), als wir von den Ursachen der Sünde auf Seiten der Abwendung handelten, welche der Hauptteil der Sünde ist.
Antwort auf Einwand 1: Der Stolz wird „der Anfang aller Sünde“ genannt, nicht als ob jede Sünde aus Stolz entstünde, sondern weil jede Art von Sünde von Natur aus dazu neigt, aus Stolz zu entstehen.
Antwort auf Einwand 2: Von Gott abzufallen wird der Anfang des Stolzes genannt, nicht als ob es eine vom Stolz verschiedene Sünde wäre, sondern als der erste Teil des Stolzes. Denn es wurde oben (Artikel [5]) gesagt, dass der Stolz hauptsächlich die Unterwerfung unter Gott betrifft, die er verschmäht, und in der Folge verschmäht er es, einem Geschöpf um Gottes willen untertan zu sein.
Antwort auf Einwand 3: Es ist nicht notwendig, dass die Ordnung der Tugenden dieselbe ist wie die der Laster. Denn das Laster ist das Verderben der Tugend. Nun ist das, was als Erstes erzeugt wird, das Letzte, das verdorben wird. Weshalb, so wie der Glaube die erste der Tugenden ist, so ist der Unglaube die letzte der Sünden, zu der der Mensch manchmal durch andere Sünden geführt wird. Daher sagt eine Glosse zu Ps 136,7, „Reißt sie nieder, reißt sie nieder, bis auf den Grund“, dass „indem man Laster auf Laster häuft, ein Mensch in den Unglauben fallen wird“, und der Apostel sagt (1 Tim 1,19), dass „einige, die ein gutes Gewissen von sich gestoßen haben, Schiffbruch im Glauben erlitten haben.“
Antwort auf Einwand 4: Der Stolz wird die schwerste der Sünden genannt, weil das, was der Sünde ihre Schwere gibt, dem Stolz wesentlich ist. Daher ist der Stolz die Ursache der Schwere in anderen Sünden. Dementsprechend kann es vor dem Stolz gewisse weniger schwere Sünden geben, die aus Unwissenheit oder Schwäche begangen werden. Aber unter den schweren Sünden ist die erste der Stolz, als die Ursache, wodurch andere Sünden schwerwiegender gemacht werden. Und da das, was das Erste im Verursachen von Sünden ist, das Letzte im Rückzug von der Sünde ist, sagt eine Glosse zu Ps 18,13, „Ich werde gereinigt sein von der größten Sünde“: „Nämlich von der Sünde des Stolzes, welche die letzte in denen ist, die zu Gott zurückkehren, und die erste in denen, die sich von Gott zurückziehen.“
Antwort auf Einwand 5: Der Philosoph assoziiert den Stolz mit vorgetäuschter Tapferkeit, nicht dass er genau darin bestünde, sondern weil der Mensch denkt, er werde eher vor den Menschen erhöht, wenn er kühn oder tapfer erscheint.