II-II, q. 162 a. 5
Ob der Stolz eine Todsünde ist?
Quaestio 162 · Vom Hochmut
Einwand 1: Es scheint, dass der Stolz keine Todsünde ist. Denn eine Glosse zu Ps 7,4, „O Herr, mein Gott, wenn ich dies getan habe“, sagt: „Nämlich die universelle Sünde, welche der Stolz ist.“ Wenn also der Stolz eine Todsünde wäre, so wäre es jede Sünde.
Einwand 2: Ferner ist jede Todsünde der Liebe [caritas] entgegengesetzt. Aber der Stolz ist anscheinend nicht der Liebe entgegengesetzt, weder der Liebe zu Gott noch der Liebe zum Nächsten, weil die Vorzüglichkeit, die man durch Stolz ungeordnet begehrt, nicht immer der Ehre Gottes oder dem Wohl unseres Nächsten entgegengesetzt ist. Also ist der Stolz keine Todsünde.
Einwand 3: Ferner ist jede Todsünde der Tugend entgegengesetzt. Aber der Stolz ist nicht der Tugend entgegengesetzt; im Gegenteil, er entsteht daraus, denn wie Gregor sagt (Moral. xxxiv, 23), „wird ein Mensch manchmal durch erhabene und himmlische Tugenden erhoben.“ Also ist der Stolz keine Todsünde.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Moral. xxxiv, 23), dass „Stolz ein ganz offensichtliches Zeichen der Verworfenen ist, und umgekehrt Demut der Auserwählten.“ Aber Menschen werden nicht wegen lässlicher Sünden verworfen. Also ist der Stolz keine lässliche, sondern eine Todsünde.
Ich antworte darauf, dass der Stolz der Demut entgegengesetzt ist. Nun betrifft die Demut eigentlich die Unterwerfung des Menschen unter Gott, wie oben dargelegt (Quaestio [161], Artikel [1], ad 5). Daher betrifft der Stolz eigentlich den Mangel an dieser Unterwerfung, insofern ein Mensch sich über das erhebt, was ihm gemäß der göttlichen Regel oder dem göttlichen Maß bestimmt ist, gegen das Wort des Apostels (2 Kor 10,13): „Wir aber wollen uns nicht über das Maß hinaus rühmen; sondern nach dem Maß der Regel, die Gott uns zugemessen hat.“ Weshalb geschrieben steht (Sir 10,14): „Der Anfang des Stolzes des Menschen ist, von Gott abzufallen“, weil nämlich die Wurzel des Stolzes darin gefunden wird, dass der Mensch Gott und Seiner Regel nicht in irgendeiner Weise unterworfen ist. Nun ist es offensichtlich, dass es seiner Natur nach eine Todsünde ist, Gott nicht unterworfen zu sein, denn dies besteht in der Abwendung von Gott: und folglich ist der Stolz seiner Gattung nach eine Todsünde. Dennoch, so wie es bei anderen Sünden, die ihrer Gattung nach Todsünden sind (zum Beispiel Unzucht und Ehebruch), gewisse Regungen gibt, die aufgrund ihrer Unvollkommenheit lässlich sind (indem sie dem Urteil der Vernunft zuvorkommen und ohne deren Zustimmung sind), so geschieht es auch in der Materie des Stolzes, dass gewisse Regungen des Stolzes lässliche Sünden sind, wenn die Vernunft ihnen nicht zustimmt.
Antwort auf Einwand 1: Wie oben dargelegt (Artikel [2]), ist der Stolz eine allgemeine Sünde, nicht durch sein Wesen, sondern durch eine Art von Einfluss, insofern alle Sünden ihren Ursprung im Stolz haben können. Daher folgt nicht, dass alle Sünden Todsünden sind, sondern nur solche, die aus vollkommenem Stolz entstehen, von dem wir gesagt haben, dass er eine Todsünde ist.
Antwort auf Einwand 2: Der Stolz ist immer der Liebe zu Gott entgegengesetzt, insofern der stolze Mensch sich nicht der göttlichen Regel unterwirft, wie er sollte. Manchmal ist er auch der Liebe zum Nächsten entgegengesetzt; wenn nämlich ein Mensch sich ungeordnet über seinen Nächsten stellt: und dies ist wiederum eine Übertretung der göttlichen Regel, die eine Ordnung unter den Menschen festgelegt hat, so dass einer dem anderen untertan sein soll.
Antwort auf Einwand 3: Der Stolz entsteht aus der Tugend, nicht wie aus seiner direkten Ursache, sondern wie aus einer akzidentellen Ursache, insofern ein Mensch eine Tugend zum Anlass für Stolz nimmt. Und nichts hindert ein Gegenteil daran, die akzidentelle Ursache eines anderen zu sein, wie in Phys. viii, 1 dargelegt. Daher sind manche sogar stolz auf ihre Demut.