II-II, q. 162 a. 1
Ob der Stolz Sünde ist?
Quaestio 162 · Vom Hochmut
Einwand 1: Es scheint, dass der Stolz keine Sünde ist. Denn keine Sünde ist Gegenstand einer Verheißung Gottes. Gottes Verheißungen beziehen sich nämlich auf das, was Er tun wird; und Er ist nicht der Urheber der Sünde. Nun wird der Stolz zu den göttlichen Verheißungen gezählt; denn es steht geschrieben (Jes 60,15): „Ich werde dich zu einem ewigen Stolz [Vulgata: ‚gloriam‘, Ruhm/Herrlichkeit] machen, zu einer Freude für und für.“ Also ist der Stolz keine Sünde.
Einwand 2: Ferner ist es keine Sünde, Gott ähnlich sein zu wollen: denn jedes Geschöpf hat ein natürliches Verlangen danach; und besonders ziemt dies dem vernunftbegabten Geschöpf, das nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen ist. Nun heißt es in Prospers Lib. Sent. 294, dass „Stolz die Liebe zur eigenen Vorzüglichkeit ist, wodurch man Gott ähnlich wird, der im höchsten Maße vorzüglich ist.“ Daher sagt Augustinus (Confess. ii, 6): „Der Stolz ahmt die Erhabenheit nach; während Du allein Gott bist, erhaben über alles.“ Also ist der Stolz keine Sünde.
Einwand 3: Ferner steht eine Sünde nicht nur einer Tugend entgegen, sondern auch einem entgegengesetzten Laster, wie der Philosoph feststellt (Ethic. ii, 8). Aber es findet sich kein Laster, das dem Stolz entgegengesetzt wäre. Also ist der Stolz keine Sünde.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Tobias 4,14): „Lass niemals Stolz in deinem Sinn oder in deinen Worten herrschen.“
Ich antworte darauf, dass der Stolz [superbia] so genannt wird, weil jemand dadurch höher [supra] hinaus will, als er ist; weshalb Isidor sagt (Etym. x): „Ein Mensch wird stolz genannt, weil er über (super) dem erscheinen will, was er wirklich ist“; denn wer über das hinausgehen will, was er ist, der ist stolz. Nun verlangt die rechte Vernunft, dass der Wille eines jeden Menschen auf das gerichtet sei, was ihm angemessen ist. Daher ist es offensichtlich, dass der Stolz etwas bezeichnet, das der rechten Vernunft entgegengesetzt ist, und dies zeigt, dass er den Charakter der Sünde hat, weil gemäß Dionysius (Div. Nom. iv, 4) „das Übel der Seele darin besteht, der Vernunft entgegengesetzt zu sein.“ Deshalb ist es offensichtlich, dass der Stolz eine Sünde ist.
Antwort auf Einwand 1: Stolz [superbia] kann auf zwei Arten verstanden werden. Erstens als das Überschreiten [supergreditur] der Regel der Vernunft, und in diesem Sinne sagen wir, dass er eine Sünde ist. Zweitens kann er einfach „Überfluss“ bezeichnen; in diesem Sinne kann jedes überfließende Ding Stolz genannt werden: und so verheißt Gott Stolz als Bezeichnung für überfließendes Gut. Daher sagt eine Glosse des Hieronymus zur selben Stelle (Jes 61,6), dass „es einen guten und einen bösen Stolz gibt“; oder „einen sündigen Stolz, dem Gott widersteht, und einen Stolz, der die Herrlichkeit bezeichnet, die Er verleiht.“
Man kann auch antworten, dass Stolz dort den Überfluss an jenen Dingen bezeichnet, auf die Menschen stolz sein können.
Antwort auf Einwand 2: Die Vernunft hat die Leitung über jene Dinge, nach denen der Mensch ein natürliches Verlangen hat; so dass, wenn das Verlangen von der Regel der Vernunft abweicht, sei es durch Übermaß oder durch Mangel, es sündhaft sein wird, wie es beim Verlangen nach Nahrung der Fall ist, die der Mensch von Natur aus begehrt. Nun ist der Stolz das Verlangen nach Vorzüglichkeit im Übermaß zur rechten Vernunft. Weshalb Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 13), dass Stolz das „Verlangen nach ungeordneter Erhöhung“ ist: und daher kommt es, dass, wie er behauptet (De Civ. Dei xiv, 13; xix, 12), „der Stolz Gott auf ungeordnete Weise nachahmt: denn er verabscheut die Gleichheit der Gemeinschaft unter Ihm und will Seine Herrschaft über unsere Mitgeschöpfe an sich reißen.“
Antwort auf Einwand 3: Der Stolz ist direkt der Tugend der Demut entgegengesetzt, welche sich in gewisser Weise auf dieselbe Materie bezieht wie die Großmut [magnanimitas], wie oben dargelegt (Quaestio [161], Artikel [1], ad 3). Daher ist das Laster, das dem Stolz durch Mangel entgegengesetzt ist, verwandt mit dem Laster der Kleinmütigkeit [pusillanimitas], welches der Großmut durch Mangel entgegengesetzt ist. Denn so wie es der Großmut zukommt, den Geist zu großen Dingen gegen die Verzweiflung anzutreiben, so kommt es der Demut zu, den Geist vom ungeordneten Verlangen nach großen Dingen gegen die Anmaßung zurückzuhalten. Nun ist die Kleinmütigkeit, wenn wir sie als einen Mangel im Streben nach großen Dingen nehmen, eigentlich der Großmut durch Mangel entgegengesetzt; wenn wir sie aber als die Anhänglichkeit des Geistes an Dinge nehmen, die unter dem liegen, was einem Menschen ziemt, ist sie der Demut durch Mangel entgegengesetzt; da beides aus einer Kleinheit des Geistes hervorgeht. In gleicher Weise kann andererseits der Stolz durch Übermaß sowohl der Großmut als auch der Demut entgegengesetzt sein, unter verschiedenen Gesichtspunkten: der Demut, insofern er die Unterwerfung verachtet, der Großmut, insofern er ungeordnet nach großen Dingen strebt. Da jedoch der Stolz eine gewisse Erhebung impliziert, ist er direkter der Demut entgegengesetzt, so wie die Kleinmütigkeit, die eine Kleinheit der Seele im Streben nach großen Dingen bezeichnet, direkter der Großmut entgegengesetzt ist.