II-II, q. 162 a. 2
Ob der Stolz eine spezielle Sünde ist?
Quaestio 162 · Vom Hochmut
Einwand 1: Es scheint, dass der Stolz keine spezielle Sünde ist. Denn Augustinus sagt (De Nat. et Grat. xxix), dass „du keine Sünde finden wirst, die nicht als Stolz bezeichnet wird“; und Prosper sagt (De Vita Contempl. iii, 2), dass „ohne Stolz keine Sünde möglich ist, war oder jemals sein wird.“ Also ist der Stolz eine allgemeine Sünde.
Einwand 2: Ferner sagt eine Glosse zu Ijob 33,17, „Damit Er den Menschen von der Bosheit abwende [*Vulg.: ‚Von den Dingen, die er tut, und ihn vom Stolz befreie‘]“, dass „ein Mensch stolz ist, wenn er Seine Gebote durch Sünde übertritt.“ Nun ist gemäß Ambrosius [*De Parad. viii] „jede Sünde eine Übertretung des göttlichen Gesetzes und ein Ungehorsam gegen die himmlischen Gebote.“ Also ist jede Sünde Stolz.
Einwand 3: Ferner ist jede spezielle Sünde einer speziellen Tugend entgegengesetzt. Aber der Stolz ist allen Tugenden entgegengesetzt, denn Gregor sagt (Moral. xxxiv, 23): „Der Stolz begnügt sich keineswegs mit der Zerstörung einer einzigen Tugend; er erhebt sich gegen alle Kräfte der Seele und verdirbt wie eine alles durchdringende und giftige Krankheit den ganzen Körper“; und Isidor sagt (Etym. [*De Summo Bono ii, 38]), dass er „der Untergang aller Tugenden“ ist. Also ist der Stolz keine spezielle Sünde.
Einwand 4: Ferner hat jede spezielle Sünde eine spezielle Materie. Nun hat der Stolz eine allgemeine Materie, denn Gregor sagt (Moral. xxxiv, 23), dass „ein Mensch stolz auf sein Gold ist, ein anderer auf seine Beredsamkeit: einer wird durch geringe und irdische Dinge erhoben, ein anderer durch erhabene und himmlische Tugenden.“ Also ist der Stolz keine spezielle, sondern eine allgemeine Sünde.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Nat. et Grat. xxix): „Wenn er die Frage sorgfältig prüft, wird er finden, dass nach Gottes Gesetz der Stolz eine ganz andere Sünde ist als andere Laster.“ Nun ist die Gattung nicht verschieden von ihrer Art. Also ist der Stolz keine allgemeine, sondern eine spezielle Sünde.
Ich antworte darauf, dass die Sünde des Stolzes auf zwei Arten betrachtet werden kann. Erstens im Hinblick auf ihre eigene Art [species], die sie unter dem Aspekt ihres eigenen Objekts hat. Auf diese Weise ist der Stolz eine spezielle Sünde, weil er ein spezielles Objekt hat: denn er ist das ungeordnete Verlangen nach der eigenen Vorzüglichkeit, wie dargelegt (Artikel [1], ad 2). Zweitens kann er betrachtet werden, insofern er einen gewissen Einfluss auf andere Sünden hat. Auf diese Weise hat er etwas von einem allgemeinen Charakter, insofern alle Sünden aus Stolz entstehen können, und zwar auf zwei Arten. Erstens direkt, indem andere Sünden auf das Ziel des Stolzes ausgerichtet werden, welches die eigene Vorzüglichkeit ist, worauf alles ausgerichtet werden kann, was ungeordnet begehrt wird. Zweitens indirekt und gleichsam akzidentell, nämlich durch Beseitigung eines Hindernisses, da der Stolz einen Menschen dazu bringt, das göttliche Gesetz zu verachten, welches ihn am Sündigen hindert, gemäß Jer 2,20: „Du hast mein Joch zerbrochen, meine Bande zerrissen und gesagt: Ich will nicht dienen.“
Es muss jedoch beachtet werden, dass dieser allgemeine Charakter des Stolzes die Möglichkeit zulässt, dass alle Laster manchmal aus Stolz entstehen, aber er impliziert nicht, dass alle Laster immer aus Stolz entspringen. Denn obwohl man die Gebote des Gesetzes durch jede Art von Sünde brechen kann, durch Verachtung, die zum Stolz gehört, so bricht man doch die göttlichen Gebote nicht immer aus Verachtung, sondern manchmal aus Unwissenheit und manchmal aus Schwäche: und aus diesem Grund sagt Augustinus (De Nat. et Grat. xxix), dass „viele Dinge falsch getan werden, die nicht aus Stolz getan werden.“
Antwort auf Einwand 1: Diese Worte werden von Augustinus in seinem Buch De Nat. et Grat. nicht als seine eigenen eingeführt, sondern als die von jemandem, mit dem er streitet. Daher widerlegt er anschließend die Behauptung und zeigt, dass nicht alle Sünden aus Stolz begangen werden. Wir könnten jedoch antworten, dass diese Autoritäten so verstanden werden müssen, dass sie sich auf die äußere Wirkung des Stolzes beziehen, nämlich das Brechen der Gebote, was auf jede Sünde zutrifft, und nicht auf den inneren Akt des Stolzes, nämlich die Verachtung des Gebotes. Denn Sünde wird nicht immer aus Verachtung begangen, sondern manchmal aus Unwissenheit, manchmal aus Schwäche, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Ein Mensch kann manchmal eine Sünde effektiv [der Wirkung nach] begehen, aber nicht affektiv [der Zuneigung nach]; so ist derjenige, der in Unwissenheit seinen Vater tötet, effektiv ein Vatermörder, aber nicht affektiv, da er es nicht beabsichtigte. Dementsprechend wird von demjenigen, der Gottes Gebot bricht, gesagt, er erhebe sich stolz gegen Gott, immer effektiv, aber nicht immer affektiv.
Antwort auf Einwand 3: Eine Sünde kann eine Tugend auf zwei Arten zerstören. Auf eine Weise durch direkten Gegensatz zu einer Tugend, und so verdirbt der Stolz nicht jede Tugend, sondern nur die Demut; so wie jede spezielle Sünde die spezielle Tugend zerstört, die ihr entgegengesetzt ist, indem sie ihr entgegenwirkt. Auf eine andere Weise zerstört eine Sünde eine Tugend, indem sie diese Tugend missbraucht: und so zerstört der Stolz jede Tugend, insofern er in jeder Tugend einen Anlass zum Stolz findet, genau wie in allem anderen, was zur Vorzüglichkeit gehört. Daher folgt nicht, dass er eine allgemeine Sünde ist.
Antwort auf Einwand 4: Der Stolz betrachtet einen speziellen Aspekt in seinem Objekt, welcher Aspekt in verschiedenen Materien gefunden werden kann: denn er ist die ungeordnete Liebe zur eigenen Vorzüglichkeit, und Vorzüglichkeit kann in verschiedenen Dingen gefunden werden.