II-II, q. 158 a. 7
Ob dem Zorn passenderweise sechs Töchter zugewiesen werden?
Quaestio 158 · Vom Zorn
Einwand 1: Es scheint, dass dem Zorn unpassenderweise sechs Töchter zugewiesen werden, nämlich „Zank, Aufgeblasenheit des Geistes, Schmähung, Geschrei, Entrüstung und Gotteslästerung.“ Denn Gotteslästerung wird von Isidor [Quaest. in Deut., qu. xvi] als eine Tochter des Stolzes gerechnet. Daher sollte sie nicht als eine Tochter des Zorns gezählt werden.
Einwand 2: Ferner wird Hass aus dem Zorn geboren, wie Augustinus in seiner Regel (Ep. ccxi) sagt. Daher sollte er unter die Töchter des Zorns platziert werden.
Einwand 3: Ferner scheint „ein aufgeblasener Geist“ dasselbe zu sein wie Stolz. Nun ist Stolz nicht die Tochter eines Lasters, sondern „die Mutter aller Laster“, wie Gregor feststellt (Moral. xxxi, 45). Daher sollte Aufgeblasenheit des Geistes nicht unter die Töchter des Zorns gerechnet werden.
Dagegen spricht, dass Gregor (Moral. xxxi, 45) diese Töchter dem Zorn zuweist.
Ich antworte darauf, dass der Zorn auf drei Arten betrachtet werden kann. Erstens, als im Gedanken bestehend, und so entstehen zwei Laster aus dem Zorn. Eines ist seitens der Person, der ein Mensch zürnt, und die er als unwürdig [indignum] erachtet, so gegen ihn zu handeln, und dies wird „Entrüstung“ genannt. Das andere Laster ist seitens des Menschen selbst, insofern er verschiedene Mittel der Rache ersinnt und mit solchen Gedanken seinen Geist füllt, gemäß Ijob 15,2: „Wird ein weiser Mann ... seinen Bauch mit brennender Hitze füllen?“ Und so haben wir „Aufgeblasenheit des Geistes“.
Zweitens kann der Zorn betrachtet werden, wie er in Worten ausgedrückt wird: und so entsteht eine zweifache Unordnung aus dem Zorn. Eine ist, wenn ein Mensch seinen Zorn in seiner Sprechweise manifestiert, wie oben (Art. 5, ad 3) von dem Mann gesagt wurde, der zu seinem Bruder sagt: „Raka“: und dies bezieht sich auf „Geschrei“, welches ungeordnete und verwirrte Rede bezeichnet. Die andere Unordnung ist, wenn ein Mensch in verletzende Worte ausbricht, und wenn diese gegen Gott sind, ist es „Gotteslästerung“, wenn gegen den Nächsten, ist es „Schmähung“.
Drittens kann der Zorn betrachtet werden, wie er zu Taten schreitet; und so gibt der Zorn Anlass zu „Zank“ (rixa), worunter wir alle Arten von Verletzungen verstehen sollen, die dem Nächsten durch Zorn zugefügt werden.
Antwort auf den 1. Einwand: Die Gotteslästerung, in die ein Mensch vorsätzlich ausbricht, geht aus dem Stolz hervor, wodurch ein Mensch sich gegen Gott erhebt: da gemäß Sir 10,14 „der Anfang des Stolzes des Menschen ist, von Gott abzufallen“, d.h. von der Ehrfurcht vor Ihm abzufallen, der erste Teil des Stolzes ist [vgl. Q. 162, Art. 7, ad 2]; und dies gibt Anlass zur Gotteslästerung. Aber die Gotteslästerung, in die ein Mensch durch eine Störung des Geistes ausbricht, geht aus dem Zorn hervor.
Antwort auf den 2. Einwand: Obwohl Hass manchmal aus Zorn entsteht, hat er eine vorhergehende Ursache, aus der er direkter entsteht, nämlich Missfallen, so wie andererseits Liebe aus Vergnügen geboren wird. Nun wird ein Mensch durch Missfallen manchmal zum Zorn, manchmal zum Hass bewegt. Weshalb es passend war zu rechnen, dass Hass eher aus der Trägheit als aus dem Zorn entsteht.
Antwort auf den 3. Einwand: Aufgeblasenheit des Geistes wird hier nicht als identisch mit Stolz genommen, sondern für eine gewisse Anstrengung oder einen gewagten Versuch, Rache zu nehmen; und Wagemut ist ein Laster, das der Tapferkeit entgegengesetzt ist.