II-II, q. 141 a. 8
Ob die Mäßigung die größte der Tugenden ist?
Quaestio 141 · Von der Mäßigung
Einwand 1: Es scheint, dass die Mäßigung die größte der Tugenden ist. Denn Ambrosius sagt (De Offic. i, 43), dass "das, was wir bei der Mäßigung am meisten beachten und suchen, die Wahrung dessen ist, was ehrbar ist, und die Achtung vor dem Schönen." Nun verdient Tugend Lob dafür, dass sie ehrbar und schön ist. Also ist die Mäßigung die größte der Tugenden.
Einwand 2: Ferner, je schwieriger die Tat, desto größer die Tugend. Nun ist es schwieriger, Begierden und Vergnügungen des Tastsinns zu kontrollieren, als äußere Handlungen zu regeln, wobei ersteres zur Mäßigung und letzteres zur Gerechtigkeit gehört. Also ist die Mäßigung eine größere Tugend als die Gerechtigkeit.
Einwand 3: Ferner scheint ein Ding umso notwendiger und besser zu sein, je allgemeiner es ist. Nun befasst sich die Tapferkeit mit Todesgefahren, die weniger häufig auftreten als Vergnügungen des Tastsinns, denn diese kommen jeden Tag vor; so dass die Mäßigung in allgemeinerem Gebrauch ist als die Tapferkeit. Also ist die Mäßigung eine vorzüglichere Tugend als die Tapferkeit.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Rhet. i, 9), dass die "größten Tugenden jene sind, die für andere am nützlichsten sind, weshalb wir den Tapferen und den Gerechten die größte Ehre erweisen."
Ich antworte darauf, dass, wie der Philosoph erklärt (Ethic. i, 2), "das Gut der Vielen mehr vom Göttlichen hat als das Gut des Einzelnen", weshalb eine Tugend umso besser ist, je mehr sie das Gut der Vielen berücksichtigt. Nun berücksichtigen Gerechtigkeit und Tapferkeit das Gut der Vielen mehr als die Mäßigung, da die Gerechtigkeit die Beziehungen zwischen einem Menschen und einem anderen betrifft, während die Tapferkeit Gefahren des Kampfes betrifft, die für das Gemeinwohl ertragen werden: wohingegen die Mäßigung nur die Begierden und Vergnügungen mäßigt, die den Menschen selbst betreffen. Daher ist offensichtlich, dass Gerechtigkeit und Tapferkeit vorzüglichere Tugenden sind als die Mäßigung: während die Klugheit und die theologischen Tugenden noch vorzüglicher sind.
Antwort auf Einwand 1: Ehre und Schönheit werden der Mäßigung besonders zugeschrieben, nicht wegen der Vorzüglichkeit des der Mäßigung eigenen Gutes, sondern wegen der Schande des entgegengesetzten Übels, von dem sie uns abzieht, indem sie die Vergnügungen mäßigt, die uns und den niedreren Tieren gemein sind.
Antwort auf Einwand 2: Da Tugend sich auf das Schwierige und das Gute bezieht, wird die Vorzüglichkeit einer Tugend mehr unter dem Aspekt des Guten betrachtet, worin die Gerechtigkeit hervorragt, als unter dem Aspekt des Schwierigen, worin die Mäßigung hervorragt.
Antwort auf Einwand 3: Das, was allgemein ist, weil es die Vielen betrifft, trägt mehr zur Vorzüglichkeit der Güte bei als das, was allgemein ist, weil es häufig vorkommt: Tapferkeit ragt auf erstere Weise hervor, Mäßigung auf letztere. Daher ist Tapferkeit schlechthin größer, obwohl in gewisser Hinsicht die Mäßigung als größer beschrieben werden kann, nicht nur als die Tapferkeit, sondern auch als die Gerechtigkeit.