II-II, q. 141 a. 6
Ob das Maß der Mäßigung vom Bedürfnis des gegenwärtigen Lebens abhängt?
Quaestio 141 · Von der Mäßigung
Einwand 1: Es scheint, dass das Maß der Mäßigung nicht von den Bedürfnissen des gegenwärtigen Lebens abhängt. Denn höhere Dinge werden nicht nach niedrigeren geregelt. Nun ist die Mäßigung, da sie eine Tugend der Seele ist, über den Bedürfnissen des Körpers. Also hängt das Maß der Mäßigung nicht von den Bedürfnissen des Körpers ab.
Einwand 2: Ferner sündigt jeder, der ein Maß überschreitet. Wenn also die Bedürfnisse des Körpers das Maß der Mäßigung wären, wäre es eine Sünde gegen die Mäßigung, sich irgendeinem anderen Vergnügen hinzugeben als jenen, die von der Natur gefordert werden, die mit sehr wenig zufrieden ist. Aber dies scheint unvernünftig.
Einwand 3: Ferner sündigt niemand, indem er ein Maß einhält. Wenn also das Bedürfnis des Körpers das Maß der Mäßigung wäre, gäbe es keine Sünde darin, irgendein Vergnügen für die Bedürfnisse des Körpers zu nutzen, zum Beispiel um der Gesundheit willen. Aber dies ist anscheinend falsch. Also ist das Bedürfnis des Körpers nicht das Maß der Mäßigung.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Morib. Eccl. xxi): "In beiden Testamenten findet der mäßige Mensch Bestätigung für die Regel, die ihm verbietet, die Dinge dieses Lebens zu lieben oder irgendeines von ihnen um seiner selbst willen für erstrebenswert zu halten, und ihm befiehlt, sich jener Dinge mit der Mäßigung eines Benutzers, nicht der Anhänglichkeit eines Liebhabers zu bedienen, insofern sie für die Bedürfnisse dieses Lebens und seines Standes erforderlich sind."
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Artikel [1]; Frage [109], Artikel [2]; Frage [123], Artikel [12]), das Gut der moralischen Tugend hauptsächlich in der Ordnung der Vernunft besteht: weil "das Gut des Menschen darin besteht, in Übereinstimmung mit der Vernunft zu sein", wie Dionysius behauptet (Div. Nom. iv). Nun ist die hauptsächliche Ordnung der Vernunft jene, durch die sie gewisse Dinge auf ihr Ziel hinordnet, und das Gut der Vernunft besteht hauptsächlich in dieser Ordnung; da das Gute den Aspekt des Ziels hat und das Ziel das Maß all dessen ist, was auf das Ziel hingeordnet ist. Nun sind alle vergnüglichen Objekte, die dem Menschen zur Verfügung stehen, auf irgendeine Notwendigkeit dieses Lebens als auf ihr Ziel hingeordnet. Weshalb die Mäßigung das Bedürfnis dieses Lebens als das Maß der vergnüglichen Objekte nimmt, derer sie sich bedient, und sie nur insoweit gebraucht, als das Bedürfnis dieses Lebens es erfordert.
Antwort auf Einwand 1: Wie oben gesagt, wird das Bedürfnis dieses Lebens insofern als Maß betrachtet, als es ein Ziel ist. Nun muss beachtet werden, dass sich manchmal das Ziel des Arbeitenden vom Ziel des Werkes unterscheidet, so ist klar, dass das Ziel des Bauens ein Haus ist, während manchmal das Ziel des Bauherrn der Profit ist. Dementsprechend ist das Ziel und das Maß der Mäßigung selbst die Glückseligkeit; während das Ziel und das Maß des Dinges, dessen sie sich bedient, das Bedürfnis des menschlichen Lebens ist, dem alles, was für das Leben nützlich ist, untergeordnet ist.
Antwort auf Einwand 2: Das Bedürfnis des menschlichen Lebens kann auf zwei Arten genommen werden. Erstens kann es in dem Sinne genommen werden, in dem wir den Begriff "notwendig" auf das anwenden, ohne das ein Ding überhaupt nicht sein kann; so ist Nahrung für ein Tier notwendig. Zweitens kann es für etwas genommen werden, ohne das ein Ding nicht auf angemessene Weise sein kann. Nun berücksichtigt die Mäßigung nicht nur das erstere dieser Bedürfnisse, sondern auch das letztere. Weshalb der Philosoph sagt (Ethic. iii, 11), dass "der mäßige Mensch angenehme Dinge um der Gesundheit willen oder um einer guten körperlichen Verfassung willen begehrt." Andere Dinge, die für diesen Zweck nicht notwendig sind, können in zwei Klassen eingeteilt werden. Denn einige sind ein Hindernis für die Gesundheit und eine gute körperliche Verfassung; und von diesen macht die Mäßigung keinerlei Gebrauch, denn dies wäre eine Sünde gegen die Mäßigung. Aber andere sind kein Hindernis für jene Dinge, und diese gebraucht die Mäßigung mäßig, gemäß den Anforderungen von Ort und Zeit und im Einklang mit jenen, unter denen man wohnt. Daher sagt der Philosoph (Ethic. iii, 11), dass der "mäßige Mensch auch andere angenehme Dinge begehrt", jene nämlich, die nicht für die Gesundheit oder eine gute körperliche Verfassung notwendig sind, "solange sie diesen Dingen nicht abträglich sind."
Antwort auf Einwand 3: Wie gesagt (ad 2), berücksichtigt die Mäßigung das Bedürfnis gemäß den Erfordernissen des Lebens, und dies hängt nicht nur von den Erfordernissen des Körpers ab, sondern auch von den Erfordernissen äußerer Dinge, wie Reichtum und Stand, und noch mehr von den Erfordernissen des guten Wandels. Daher fügt der Philosoph hinzu (Ethic. iii, 11), dass "der mäßige Mensch Gebrauch von angenehmen Dingen macht, vorausgesetzt, dass sie nicht nur der Gesundheit und einer guten körperlichen Verfassung nicht abträglich sind, sondern auch, dass sie nicht unvereinbar mit dem Guten sind", d.h. dem guten Wandel, noch "über seine Substanz hinausgehen", d.h. seine Mittel. Und Augustinus sagt (De Morib. Eccl. xxi), dass der "mäßige Mensch das Bedürfnis" nicht nur "dieses Lebens", sondern auch "seines Standes berücksichtigt."