II-II, q. 141 a. 7
Ob die Mäßigung eine Kardinaltugend ist?
Quaestio 141 · Von der Mäßigung
Einwand 1: Es scheint, dass die Mäßigung keine Kardinaltugend ist. Denn das Gut der moralischen Tugend hängt von der Vernunft ab. Aber die Mäßigung bezieht sich auf jene Dinge, die am weitesten von der Vernunft entfernt sind, nämlich auf Vergnügungen, die uns und den niedreren Tieren gemein sind, wie in Ethic. iii, 10 dargelegt. Also ist die Mäßigung anscheinend keine Haupttugend.
Einwand 2: Ferner, je größer der Ungestüm, desto schwieriger ist er zu kontrollieren. Nun scheint der Zorn, der durch Sanftmut kontrolliert wird, ungestümer zu sein als die Begierde, die durch Mäßigung kontrolliert wird. Denn es steht geschrieben (Spr 27,4): "Der Zorn kennt kein Erbarmen, noch die Wut, wenn sie ausbricht; und wer kann die Gewalt [impetum] eines Gereizten ertragen?" Also ist Sanftmut eher eine Haupttugend als Mäßigung.
Einwand 3: Ferner hat die Hoffnung als eine Bewegung der Seele Vorrang vor Begierde und Begehrlichkeit, wie oben gesagt (FS, Frage [25], Artikel [4]). Aber Demut kontrolliert die Anmaßung unmäßiger Hoffnung. Also ist anscheinend Demut eher eine Haupttugend als Mäßigung, welche die Begehrlichkeit kontrolliert.
Dagegen spricht, dass Gregor die Mäßigung zu den Haupttugenden rechnet (Moral. ii, 49).
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Frage [123], Artikel [11]; Frage [61], Artikel [3]), eine Haupt- oder Kardinaltugend so genannt wird, weil sie einen vornehmlichen Anspruch auf Lob aufgrund eines jener Dinge hat, die für den Begriff der Tugend im Allgemeinen erforderlich sind. Nun verdient die Mäßigung, die in jeder Tugend erforderlich ist, Lob hauptsächlich bei den Vergnügungen des Tastsinns, mit denen sich die Mäßigung befasst, sowohl weil diese Vergnügungen uns am natürlichsten sind, so dass es schwieriger ist, sich ihrer zu enthalten und die Begierde nach ihnen zu kontrollieren, als auch weil ihre Objekte für das gegenwärtige Leben notwendiger sind, wie oben gesagt (Artikel [4]). Aus diesem Grund wird die Mäßigung als eine Haupt- oder Kardinaltugend gerechnet.
Antwort auf Einwand 1: Je länger die Reichweite ihrer Wirkung, desto größer erweist sich die Kraft [virtus] des Agens: weshalb gerade die Tatsache, dass die Vernunft fähig ist, Begierden und Vergnügungen zu mäßigen, die am weitesten von ihr entfernt sind, die Größe der Kraft der Vernunft beweist. Auf diese Weise wird die Mäßigung zu einer Haupttugend.
Antwort auf Einwand 2: Der Ungestüm des Zorns wird durch ein Akzidens verursacht, zum Beispiel eine schmerzliche Verletzung; weshalb er bald vergeht, obwohl sein Ungestüm groß sei. Andererseits geht der Ungestüm der Begierde nach Vergnügungen des Tastsinns aus einer natürlichen Ursache hervor, weshalb er dauerhafter und allgemeiner ist, und folglich betrifft seine Kontrolle eine vornehmlichere Tugend.
Antwort auf Einwand 3: Das Objekt der Hoffnung ist höher als das Objekt der Begierde, weshalb die Hoffnung als die Hauptleidenschaft im Zornvermögen gilt. Aber die Objekte der Begierden und Vergnügungen des Tastsinns bewegen das Begehren mit größerer Kraft, da sie natürlicher sind. Daher ist die Mäßigung, die in solchen Dingen die Mitte bestimmt, eine Haupttugend.