II-II, q. 141 a. 1
Ob die Mäßigung eine Tugend ist?
Quaestio 141 · Von der Mäßigung
Einwand 1: Es scheint, dass die Mäßigung keine Tugend ist. Denn keine Tugend richtet sich gegen die Neigung der Natur, da "in uns eine natürliche Eignung zur Tugend ist", wie es in Ethic. ii, 1 heißt. Nun zieht die Mäßigung uns von den Vergnügungen ab, zu denen die Natur neigt, gemäß Ethic. ii, 3,8. Also ist die Mäßigung keine Tugend.
Einwand 2: Ferner hängen die Tugenden untereinander zusammen, wie oben dargelegt wurde (FS, Frage [65], Artikel [1]). Aber manche Menschen besitzen Mäßigung, ohne die anderen Tugenden zu haben: denn wir finden viele, die mäßig sind, und doch habgierig oder furchtsam. Also ist die Mäßigung keine Tugend.
Einwand 3: Ferner entspricht jeder Tugend eine Gabe, wie aus dem hervorgeht, was wir oben gesagt haben (FS, Frage [68], Artikel [4]). Der Mäßigung scheint aber keine Gabe zu entsprechen, da alle Gaben bereits den anderen Tugenden zugeschrieben wurden (Fragen [8], 9, 19, 45, 52, 71, 139). Also ist die Mäßigung keine Tugend.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Music. vi, 15): "Mäßigung ist der Name einer Tugend."
Ich antworte darauf, dass es, wie oben gesagt (FS, Frage [55], Artikel [3]), zum Wesen der Tugend gehört, den Menschen zum Guten hinzuneigen. Nun besteht das Gut des Menschen darin, der Vernunft gemäß zu sein, wie Dionysius feststellt (Div. Nom. iv). Daher ist die menschliche Tugend das, was den Menschen zu etwas Vernunftgemäßem hinneigt. Nun neigt die Mäßigung den Menschen offensichtlich dazu hin, da schon ihr Name Mäßigung oder Gemäßigtheit impliziert, welche die Vernunft bewirkt. Also ist die Mäßigung eine Tugend.
Antwort auf Einwand 1: Die Natur neigt jedes Ding zu dem hin, was ihm ziemt. Daher begehrt der Mensch von Natur aus Vergnügungen, die ihm ziemen. Da der Mensch jedoch als solcher ein vernunftbegabtes Wesen ist, folgt daraus, dass jene Vergnügungen dem Menschen ziemen, die der Vernunft gemäß sind. Von solchen Vergnügungen zieht ihn die Mäßigung nicht ab, sondern von jenen, die der Vernunft zuwiderlaufen. Daher ist klar, dass die Mäßigung nicht der Neigung der menschlichen Natur entgegensteht, sondern mit ihr übereinstimmt. Sie steht jedoch der Neigung der tierischen Natur entgegen, die nicht der Vernunft unterworfen ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Mäßigung, welche die Bedingungen der vollkommenen Tugend erfüllt, ist nicht ohne Klugheit, während diese allen fehlt, die in Sünde sind. Daher haben jene, denen andere Tugenden fehlen, weil sie den entgegengesetzten Lastern unterworfen sind, nicht die Mäßigung, die eine Tugend ist, obwohl sie Akte der Mäßigung aus einer gewissen natürlichen Veranlagung heraus tun, insofern gewisse unvollkommene Tugenden dem Menschen entweder natürlich sind, wie oben gesagt (FS, Frage [63], Artikel [1]), oder durch Gewöhnung erworben, welche Tugenden mangels Klugheit nicht durch die Vernunft vervollkommnet sind, wie oben dargelegt (FS, Frage [65], Artikel [1]).
Antwort auf Einwand 3: Auch der Mäßigung entspricht eine Gabe, nämlich die Furcht, durch welche der Mensch von den Vergnügungen des Fleisches abgehalten wird, gemäß Ps. 118,120: "Durchbohre mein Fleisch mit deiner Furcht." Die Gabe der Furcht hat als ihren Hauptgegenstand Gott, den zu beleidigen sie vermeidet, und in dieser Hinsicht entspricht sie der Tugend der Hoffnung, wie oben gesagt (Frage [19], Artikel [9], ad 1). Aber sie kann als ihren sekundären Gegenstand alles haben, was ein Mensch meidet, um Gott nicht zu beleidigen. Nun bedarf der Mensch der Gottesfurcht am meisten, um jene Dinge zu meiden, die am verführerischsten sind, und diese sind die Materie der Mäßigung: weshalb die Gabe der Furcht auch der Mäßigung entspricht.