II-II, q. 141 a. 2
Ob die Mäßigung eine spezielle Tugend ist?
Quaestio 141 · Von der Mäßigung
Einwand 1: Es scheint, dass die Mäßigung keine spezielle Tugend ist. Denn Augustinus sagt (De Morib. Eccl. xv), dass "es zur Mäßigung gehört, die eigene Integrität und Freiheit von Verderbnis um Gottes willen zu bewahren." Dies aber ist jeder Tugend gemein. Also ist die Mäßigung keine spezielle Tugend.
Einwand 2: Ferner sagt Ambrosius (De Offic. i, 42), dass "das, was wir bei der Mäßigung am meisten beachten und suchen, die Ruhe der Seele ist." Dies aber ist jeder Tugend gemein. Also ist die Mäßigung keine spezielle Tugend.
Einwand 3: Ferner sagt Tullius (De Offic. i, 27), dass "wir das Schöne nicht vom Tugendhaften trennen können" und dass "alles, was gerecht ist, schön ist." Nun wird das Schöne als der Mäßigung eigentümlich betrachtet, gemäß derselben Autorität (Tullius, De Offic. i, 27). Also ist die Mäßigung keine spezielle Tugend.
Dagegen spricht, dass der Philosoph (Ethic. ii, 7; iii, 10) sie als eine spezielle Tugend rechnet.
Ich antworte darauf, dass es im menschlichen Sprachgebrauch üblich ist, einen allgemeinen Begriff in einem eingeschränkten Sinne zu verwenden, um die hauptsächlichen Dinge zu bezeichnen, auf die dieser allgemeine Begriff anwendbar ist: so wird das Wort "Stadt" antonomastisch* verwendet, um Rom zu bezeichnen. [*Antonomasie ist die Redefigur, bei der wir den allgemeinen für den individuellen Begriff setzen; z.B. Der Philosoph für Aristoteles]. Dementsprechend hat das Wort "Mäßigung" eine zweifache Bedeutung. Erstens gemäß seiner allgemeinen Bedeutung: und so ist Mäßigung keine spezielle, sondern eine allgemeine Tugend, weil das Wort "Mäßigung" eine gewisse Gemäßigtheit oder Moderation bezeichnet, welche die Vernunft den menschlichen Handlungen und Leidenschaften auferlegt: und dies ist jeder moralischen Tugend gemein. Dennoch gibt es einen logischen Unterschied zwischen Mäßigung und Tapferkeit, selbst wenn wir beide als allgemeine Tugenden nehmen: da die Mäßigung den Menschen von Dingen abzieht, die das Begehren verführen, der Vernunft nicht zu gehorchen, während die Tapferkeit ihn anspornt, jene Dinge zu ertragen oder ihnen zu widerstehen, derentwegen er das Gut der Vernunft verlässt.
Andererseits, wenn wir Mäßigung antonomastisch nehmen, als das Zurückhalten des Begehrens von jenen Dingen, die für den Menschen am verführerischsten sind, ist sie eine spezielle Tugend, denn so hat sie, wie die Tapferkeit, eine spezielle Materie.
Antwort auf Einwand 1: Das Begehren des Menschen wird hauptsächlich durch jene Dinge verdorben, die ihn dazu verführen, die Regel der Vernunft und das göttliche Gesetz zu verlassen. Daher kann die Integrität, die Augustinus der Mäßigung zuschreibt, wie letztere auf zwei Arten genommen werden: erstens in einem allgemeinen Sinne und zweitens im Sinne der Vorzüglichkeit.
Antwort auf Einwand 2: Die Dinge, mit denen sich die Mäßigung befasst, haben eine höchst störende Wirkung auf die Seele, aus dem Grund, dass sie dem Menschen natürlich sind, wie wir weiter unten darlegen werden (Artikel [4], 5). Daher wird die Ruhe der Seele der Mäßigung im Wege der Vorzüglichkeit zugeschrieben, obwohl sie eine gemeinsame Eigenschaft aller Tugenden ist.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl Schönheit jeder Tugend ziemt, wird sie der Mäßigung im Wege der Vorzüglichkeit aus zwei Gründen zugeschrieben. Erstens hinsichtlich des Gattungsbegriffs der Mäßigung, der in einer gewissen maßvollen und passenden Proportion besteht, und dies ist es, was wir unter Schönheit verstehen, wie Dionysius bezeugt (Div. Nom. iv). Zweitens, weil die Dinge, von denen die Mäßigung uns zurückhält, den niedrigsten Platz im Menschen einnehmen und ihm aufgrund seiner tierischen Natur zukommen, wie wir weiter unten darlegen werden (Artikel [4], 5; Frage [142], Artikel [4]), weshalb es natürlich ist, dass solche Dinge ihn beflecken. Folglich ist Schönheit ein vornehmliches Attribut der Mäßigung, die vor allem verhindert, dass der Mensch befleckt wird. In gleicher Weise ist Ehrbarkeit [Honestas muss hier im weiten Sinne als Synonym für moralische Güte genommen werden, unter dem Gesichtspunkt des Anstands] ein spezielles Attribut der Mäßigung: denn Isidor sagt (Etym. x): "Ein ehrbarer Mann ist einer, der keine Befleckung hat, denn Ehrbarkeit bedeutet einen ehrenhaften Zustand." Dies ist am meisten auf die Mäßigung anwendbar, die den Lastern widersteht, welche dem Menschen die größte Unehre bringen, wie wir weiter unten darlegen werden (Frage [142], Artikel [4]).