II-II, q. 129 a. 8
Ob die Glücksgüter zur Großmut beitragen?
Quaestio 129 · Von der Großmut
Einwand 1: Es scheint, dass die Glücksgüter nicht zur Großmut beitragen. Denn gemäß Seneca (De Ira i: De vita beata xvi): „genügt die Tugend sich selbst“. Nun nimmt die Großmut jede Tugend groß, wie oben gesagt wurde (Artikel 4, ad 3). Also tragen die Glücksgüter nicht zur Großmut bei.
Einwand 2: Ferner: Kein tugendhafter Mensch verachtet, was ihm hilfreich ist. Aber der großmütige Mann verachtet alles, was zu den Glücksgütern gehört: denn Tullius sagt (De Offic. i) unter der Überschrift: „Die Großmut besteht aus zwei Dingen“, dass „eine große Seele dafür gelobt wird, äußere Dinge zu verachten“. Also wird einem großmütigen Mann nicht durch Glücksgüter geholfen.
Einwand 3: Ferner: Tullius fügt hinzu (De Offic. i), dass „es zu einer großen Seele gehört, das, was beschwerlich scheint, so zu ertragen, dass man in keiner Weise von seinem natürlichen Zustand oder von der Würde eines weisen Mannes abweicht“. Und Aristoteles sagt (Ethic. iv, 3), dass „ein großmütiger Mann sich nicht über Unglück grämt“. Nun sind Beschwernisse und Unglücksfälle den Glücksgütern entgegengesetzt, denn jeder grämt sich über den Verlust dessen, was ihm hilfreich ist. Also tragen äußere Glücksgüter nicht zur Großmut bei.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. iv, 3), dass „gutes Glück zur Großmut beizutragen scheint“.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Artikel 1), die Großmut zwei Dinge betrachtet: die Ehre als ihre Materie und die Vollbringung von etwas Großem als ihr Ziel. Nun tragen die Glücksgüter zu diesen beiden Dingen bei. Denn da die Ehre den Tugendhaften verliehen wird, nicht nur von den Weisen, sondern auch von der Menge, welche diese Glücksgüter in höchster Achtung hält, ist das Ergebnis, dass sie jenen größere Ehre erweisen, die Glücksgüter besitzen. Ebenso sind Glücksgüter nützliche Werkzeuge oder Instrumente tugendhafter Taten: da wir Dinge leicht mittels Reichtum, Macht und Freunden vollbringen können. Daher ist es offensichtlich, dass Glücksgüter zur Großmut beitragen.
Antwort auf Einwand 1: Die Tugend wird als sich selbst genügend bezeichnet, weil sie auch ohne diese äußeren Güter sein kann; doch bedarf sie ihrer, um zügiger zu handeln.
Antwort auf Einwand 2: Der großmütige Mann verachtet äußere Güter, insofern er sie nicht für so groß hält, dass er verpflichtet wäre, um ihretwillen etwas Ungeziemendes zu tun. Doch verachtet er sie nicht in dem Sinne, dass er sie nicht als nützlich für die Vollbringung tugendhafter Taten schätzte.
Antwort auf Einwand 3: Wenn ein Mensch nicht viel von einer Sache hält, ist er weder sehr erfreut, sie zu erlangen, noch sehr betrübt, sie zu verlieren. Da also der großmütige Mann nicht viel von äußeren Gütern hält, das heißt von Glücksgütern, wird er weder sehr durch sie erhoben, wenn er sie hat, noch sehr niedergeschlagen durch ihren Verlust.