II-II, q. 129 a. 1
Ob sich die Großmut auf die Ehren bezieht?
Quaestio 129 · Von der Großmut
Einwand 1: Es scheint, dass sich die Großmut (magnanimitas) nicht auf die Ehren bezieht. Denn die Großmut befindet sich im Zornvermögen, wie schon der Name anzeigt; denn „Großmut“ bedeutet Größe des Gemüts (animus), das „Gemüt“ aber bezeichnet den zornmütigen Teil, wie aus De Anima iii, 42 hervorgeht, wo der Philosoph sagt, dass „im sinnlichen Strebevermögen Begierde und Gemüt sind“, d. h. der begehrende und der zornmütige Teil. Die Ehre aber ist ein Gut des Begehrungsvermögens, da sie der Lohn der Tugend ist. Also scheint es, dass die Großmut sich nicht auf die Ehren bezieht.
Einwand 2: Ferner: Da die Großmut eine sittliche Tugend ist, muss sie sich entweder auf Leidenschaften oder auf Handlungen beziehen. Sie bezieht sich nun nicht auf Handlungen, denn dann wäre sie ein Teil der Gerechtigkeit; woraus folgt, dass sie sich auf Leidenschaften bezieht. Die Ehre aber ist keine Leidenschaft. Also bezieht sich die Großmut nicht auf die Ehren.
Einwand 3: Ferner: Das Wesen der Großmut scheint eher das Verfolgen als das Meiden zu betreffen; denn ein Mensch wird großmütig genannt, weil er nach großen Dingen strebt. Die Tugendhaften aber werden nicht dafür gelobt, dass sie nach Ehren verlangen, sondern dass sie diese meiden. Also bezieht sich die Großmut nicht auf die Ehren.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. iv, 3), die Großmut beziehe sich auf „Ehre und Unehre“.
Ich antworte darauf, dass die Großmut schon ihrem Namen nach das Ausstrecken des Gemüts nach großen Dingen bezeichnet. Die Tugend aber hat eine Beziehung zu zwei Dingen: erstens zur Materie, welche das Feld ihrer Tätigkeit ist; zweitens zu ihrem eigentlichen Akt, der im rechten Gebrauch dieser Materie besteht. Und da ein tugendhafter Habitus vornehmlich von seinem Akt her benannt wird, so wird ein Mensch vornehmlich deshalb großmütig genannt, weil er gesinnt ist, irgendeine große Tat zu vollbringen. Eine Tat aber kann auf zweifache Weise groß genannt werden: auf die eine Weise verhältnismäßig, auf die andere Weise schlechthin. Verhältnismäßig kann eine Tat groß genannt werden, auch wenn sie im Gebrauch einer geringen oder gewöhnlichen Sache besteht, wenn man zum Beispiel einen sehr guten Gebrauch von ihr macht; schlechthin und absolut groß aber ist eine Tat, wenn sie im besten Gebrauch der größten Sache besteht.
Die Dinge nun, die in den Gebrauch des Menschen kommen, sind äußere Dinge, und unter diesen ist die Ehre schlechthin das Größte: sowohl weil sie der Tugend am nächsten verwandt ist, da sie eine Bezeugung der Tugend einer Person ist, wie oben gesagt wurde (Quaestio 103, Artikel 1 und 2); als auch weil sie Gott und den Besten dargebracht wird; und wiederum, weil die Menschen, um Ehre zu erlangen und Schande zu vermeiden, alle anderen Dinge hintansetzen. Ein Mensch wird nun großmütig genannt in Bezug auf Dinge, die schlechthin und absolut groß sind, so wie ein Mensch tapfer genannt wird in Bezug auf Dinge, die schlechthin schwierig sind. Daraus folgt also, dass sich die Großmut auf die Ehren bezieht.
Antwort auf Einwand 1: Das Gute und das Böse, schlechthin betrachtet, beziehen sich auf das Begehrungsvermögen; insofern aber der Aspekt des Schwierigen hinzukommt, gehören sie zum Zornvermögen. So verhält es sich auch damit, dass die Großmut die Ehre betrachtet, insofern nämlich die Ehre den Aspekt von etwas Großem oder Schwierigem hat.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl die Ehre weder eine Leidenschaft noch eine Handlung ist, so ist sie doch der Gegenstand einer Leidenschaft, nämlich der Hoffnung, die auf ein schwieriges Gut tendiert. Daher bezieht sich die Großmut unmittelbar auf die Leidenschaften der Hoffnung und mittelbar auf die Ehre als Gegenstand der Hoffnung: ebenso wie wir in Bezug auf die Tapferkeit gesagt haben (Quaestio 123, Artikel 4 und 5), dass sie sich auf Todesgefahren bezieht, insofern diese Gegenstand von Furcht und Wagemut sind.
Antwort auf Einwand 3: Jene sind des Lobes würdig, welche Reichtümer in der Weise verachten, dass sie nichts Ungeziemendes tun, um sie zu erlangen, und auch kein allzu großes Verlangen nach ihnen haben. Wenn jedoch jemand die Ehren so verachten würde, dass er sich nicht darum kümmerte, das zu tun, was der Ehre würdig ist, so wäre dies tadelnswert. Demgemäß bezieht sich die Großmut in dem Sinne auf die Ehren, dass ein Mensch danach strebt, das zu tun, was der Ehre würdig ist, jedoch nicht so, dass er die von Menschen erwiesene Ehre hoch einschätzt.