II-II, q. 129 a. 5
Ob die Großmut ein Teil der Tapferkeit ist?
Quaestio 129 · Von der Großmut
Einwand 1: Es scheint, dass die Großmut kein Teil der Tapferkeit ist. Denn ein Ding ist kein Teil seiner selbst. Die Großmut aber scheint dasselbe zu sein wie die Tapferkeit. Denn Seneca sagt (De Quat. Virtut.): „Wenn Großmut, die auch Tapferkeit genannt wird, in deiner Seele ist, wirst du in großer Zuversicht leben“: und Tullius sagt (De Offic. i): „Wenn ein Mann tapfer ist, erwarten wir von ihm, dass er großmütig, wahrheitsliebend und weit entfernt von Täuschung ist.“ Also ist die Großmut kein Teil der Tapferkeit.
Einwand 2: Ferner: Der Philosoph (Ethic. iv, 3) sagt, dass ein großmütiger Mensch kein philokindynos ist, das heißt, ein Liebhaber der Gefahr. Es gehört aber zu einem tapferen Mann, sich der Gefahr auszusetzen. Also hat die Großmut nichts mit der Tapferkeit gemein, so dass sie ein Teil von ihr genannt werden könnte.
Einwand 3: Ferner: Die Großmut betrachtet das Große in den zu erhoffenden Dingen, wohingegen die Tapferkeit das Große in den zu fürchtenden oder zu wagenden Dingen betrachtet. Das Gute aber ist von größerer Bedeutung als das Böse. Also ist die Großmut eine bedeutendere Tugend als die Tapferkeit. Daher ist sie kein Teil von ihr.
Dagegen spricht, dass Macrobius (De Somn. Scip. i) und Andronicus die Großmut als einen Teil der Tapferkeit rechnen.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (I-II, Quaestio 61, Artikel 3), eine Haupttugend eine solche ist, der es zukommt, einen allgemeinen Modus der Tugend in einer Hauptmaterie festzusetzen. Nun ist einer der allgemeinen Modi der Tugend die Festigkeit des Gemüts, weil „ein festes Stehen in jeder Tugend notwendig ist“, gemäß Ethic. ii. Und dies wird hauptsächlich bei jenen Tugenden gelobt, die auf etwas Schwieriges tendieren, worin es am schwierigsten ist, die Festigkeit zu bewahren. Je schwieriger es daher ist, in einer schwierigen Angelegenheit fest zu stehen, desto mehr ist jene Tugend eine Haupttugend, welche das Gemüt in jener Angelegenheit festigt.
Nun ist es schwieriger, in Todesgefahren fest zu stehen, worin die Tapferkeit das Gemüt stärkt, als im Erhoffen oder Erlangen der größten Güter, worin das Gemüt durch die Großmut gestärkt wird; denn wie der Mensch sein Leben über alles liebt, so flieht er Todesgefahren mehr als alle anderen. Demgemäß ist es klar, dass die Großmut mit der Tapferkeit darin übereinstimmt, dass sie das Gemüt in einer schwierigen Angelegenheit stärkt; aber sie bleibt hinter ihr zurück, indem sie das Gemüt in einer Angelegenheit stärkt, in der es leichter ist, fest zu stehen. Daher wird die Großmut als ein Teil der Tapferkeit gerechnet, weil sie ihr als dem Hauptsächlichen als etwas Sekundäres angegliedert ist.
Antwort auf Einwand 1: Wie der Philosoph sagt (Ethic. v, 1,3), „wird das Fehlen von Übel als ein Gut angesehen“, weshalb das Nicht-Überwundenwerden durch ein schweres Übel, wie die Todesgefahr, so angesehen wird, als wäre es die Erlangung eines großen Gutes; wobei ersteres zur Tapferkeit und letzteres zur Großmut gehört: in diesem Sinne können Tapferkeit und Großmut als identisch betrachtet werden. Da es jedoch einen Unterschied hinsichtlich der Schwierigkeit aufseiten eines jeden der Vorgenannten gibt, folgt daraus, dass die Großmut, genau gesprochen, gemäß dem Philosophen (Ethic. ii, 7) eine von der Tapferkeit verschiedene Tugend ist.
Antwort auf Einwand 2: Ein Mensch wird Liebhaber der Gefahr genannt, wenn er sich allen Arten von Gefahren aussetzt, was das Kennzeichen eines solchen zu sein scheint, der „viele“ für dasselbe hält wie „große“. Dies ist der Natur eines großmütigen Mannes entgegengesetzt, denn niemand setzt sich scheinbar der Gefahr aus um einer Sache willen, die er nicht für groß hält. Aber für Dinge, die wahrhaft groß sind, ist ein großmütiger Mann höchst bereit, sich der Gefahr auszusetzen, da er im Akt der Tapferkeit etwas Großes tut, ebenso wie in den Akten der anderen Tugenden. Daher sagt der Philosoph (Ethic. ii, 7), dass der großmütige Mann nicht mikrokindynos ist, d. h. sich für kleine Dinge in Gefahr begebend, sondern megalokindynos, d. h. sich für große Dinge in Gefahr begebend. Und Seneca sagt (De Quat. Virtut.): „Du wirst großmütig sein, wenn du Gefahren weder suchst wie ein tollkühner Mann, noch sie fürchtest wie ein Feigling. Denn nichts macht die Seele feige außer dem Bewusstsein eines schlechten Lebens.“
Antwort auf Einwand 3: Das Böse als solches ist zu meiden: und dass man ihm widerstehen muss, ist akzidentell; insofern nämlich, als man ein Übel erleiden muss, um ein Gut zu wahren. Aber das Gute als solches ist zu begehren, und dass man es meidet, ist nur akzidentell, insofern nämlich, als es als die Fähigkeit dessen übersteigend angesehen wird, der es begehrt. Nun ist das, was wesentlich so ist, immer von größerem Gewicht als das, was akzidentell so ist. Deshalb ist das Schwierige in bösen Dingen der Festigkeit des Gemüts immer mehr entgegengesetzt als das Schwierige in guten Dingen. Daher hat die Tugend der Tapferkeit den Vorrang vor der Tugend der Großmut. Denn obwohl das Gute schlechthin von größerer Bedeutung ist als das Böse, ist das Böse in dieser besonderen Hinsicht von größerer Bedeutung.