II-II, q. 129 a. 2
Ob die Großmut wesenhaft auf große Ehren gerichtet ist?
Quaestio 129 · Von der Großmut
Einwand 1: Es scheint, dass die Großmut nicht wesenhaft auf große Ehren gerichtet ist. Denn die eigentliche Materie der Großmut ist die Ehre, wie oben gesagt wurde (Artikel 1). Groß und klein aber sind der Ehre akzidentell. Also gehört es nicht zum Wesen der Großmut, auf große Ehren gerichtet zu sein.
Einwand 2: Ferner: Wie sich die Großmut zur Ehre verhält, so verhält sich die Sanftmut zum Zorn. Es gehört aber nicht zum Wesen der Sanftmut, sich entweder auf großen oder kleinen Zorn zu beziehen. Also gehört es auch nicht zum Wesen der Großmut, sich auf große Ehre zu beziehen.
Einwand 3: Ferner: Kleine Ehre ist weniger weit von großer Ehre entfernt als Unehre. Die Großmut aber ist gut geordnet in Bezug auf Unehre und folglich auch in Bezug auf kleine Ehren. Also bezieht sie sich nicht nur auf große Ehren.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. ii, 7), die Großmut beziehe sich auf große Ehren.
Ich antworte darauf, dass gemäß dem Philosophen (Phys. vii, 17, 18) die Tugend eine Vollkommenheit ist, und hierunter haben wir die Vollkommenheit eines Vermögens zu verstehen, und dass sie das Äußerste dieses Vermögens betrachtet, wie in De Coelo i, 116 gesagt wird. Die Vollkommenheit eines Vermögens aber zeigt sich nicht in jeder Tätigkeit dieses Vermögens, sondern in solchen Tätigkeiten, die groß oder schwierig sind; denn jedes Vermögen, wie unvollkommen es auch sei, kann sich auf gewöhnliche und geringfügige Tätigkeiten erstrecken. Daher gehört es wesentlich zu einer Tugend, sich auf das Schwierige und Gute zu beziehen, wie in Ethic. ii, 3 gesagt wird.
Das Schwierige und das Gute (was auf dasselbe hinausläuft) in einem Akt der Tugend kann nun unter zwei Gesichtspunkten betrachtet werden. Erstens vom Gesichtspunkt der Vernunft aus, insofern es schwierig ist, das vernunftgemäße Maß in einer bestimmten Materie zu finden und festzusetzen; und diese Schwierigkeit findet sich nur im Akt der intellektuellen Tugenden und auch der Gerechtigkeit. Die andere Schwierigkeit liegt aufseiten der Materie, die einen gewissen Widerstand gegen das Maß der Vernunft beinhalten kann, welches Maß auf sie angewendet werden muss; und diese Schwierigkeit betrifft hauptsächlich die anderen sittlichen Tugenden, die sich auf die Leidenschaften beziehen, weil die Leidenschaften der Vernunft widerstreben, wie Dionysius feststellt (Div. Nom. iv, 4).
Was nun die Leidenschaften betrifft, so ist zu beachten, dass die Größe dieser Widerstandskraft gegen die Vernunft in einigen Fällen hauptsächlich aus den Leidenschaften selbst entsteht, in anderen aus den Dingen, die Gegenstände der Leidenschaften sind. Die Leidenschaften selbst haben keine große Widerstandskraft, es sei denn, sie sind heftig, weil das sinnliche Begehren, welches der Sitz der Leidenschaften ist, von Natur aus der Vernunft unterworfen ist. Daher beziehen sich die widerstehenden Tugenden, die es mit diesen Leidenschaften zu tun haben, nur auf das, was in solchen Leidenschaften groß ist: so bezieht sich die Tapferkeit auf sehr große Furcht und Wagemut, die Mäßigung auf die Begierde nach den größten Lüsten und ebenso die Sanftmut auf den größten Zorn. Andererseits haben einige Leidenschaften eine große Widerstandskraft gegen die Vernunft, die aus den äußeren Dingen selbst herrührt, welche die Gegenstände dieser Leidenschaften sind: wie etwa die Liebe oder das Verlangen nach Geld oder nach Ehre. Und für diese ist es notwendig, eine Tugend zu haben, die sich nicht nur auf das bezieht, was in jenen Leidenschaften am größten ist, sondern auch auf das, was gewöhnlich oder klein ist: weil die äußeren Dinge, auch wenn sie klein sind, sehr begehrenswert sind, da sie für das menschliche Leben notwendig sind. Daher gibt es in Bezug auf das Verlangen nach Geld zwei Tugenden: eine für gewöhnliche oder kleine Geldsummen, nämlich die Freigebigkeit, und eine andere für große Geldsummen, nämlich die „Prachtliebe“ (magnificentia).
In gleicher Weise gibt es zwei Tugenden in Bezug auf Ehren: eine für gewöhnliche Ehren. Diese Tugend hat keinen Namen, wird aber durch ihre Extreme benannt, welche philotimia, d. h. Ehrliebe, und aphilotimia, d. h. ohne Ehrliebe, sind: denn manchmal wird ein Mensch gelobt, weil er die Ehre liebt, und manchmal, weil er sich nicht um sie kümmert, insofern nämlich beides mit Maß geschehen kann. In Bezug auf große Ehren aber gibt es die „Großmut“. Daher müssen wir schließen, dass die eigentliche Materie der Großmut die große Ehre ist und dass ein großmütiger Mensch nach solchen Dingen strebt, die der Ehre würdig sind.
Antwort auf Einwand 1: Groß und klein sind der Ehre an sich betrachtet akzidentell; aber sie machen einen großen Unterschied in ihrer Beziehung zur Vernunft, deren Maß beim Gebrauch der Ehre beachtet werden muss, denn es ist viel schwieriger, es bei großen als bei kleinen Ehren zu beachten.
Antwort auf Einwand 2: Beim Zorn und anderen Dingen bietet nur das, was am größten ist, eine bemerkenswerte Schwierigkeit, und nur hierfür bedarf es einer Tugend. Anders verhält es sich mit Reichtümern und Ehren, die Dinge sind, welche außerhalb der Seele existieren.
Antwort auf Einwand 3: Wer von großen Dingen guten Gebrauch macht, ist viel eher fähig, von kleinen Dingen guten Gebrauch zu machen. Demgemäß betrachtet der Großmütige große Ehren als etwas, dessen er würdig ist, oder sogar kleine Ehren als etwas, das er verdient, weil nämlich der Mensch die Tugend, die es verdient, von Gott geehrt zu werden, nicht hinreichend ehren kann. Daher wird er durch große Ehren nicht überhoben, weil er sie nicht für über sich stehend hält; vielmehr verachtet er sie, und noch viel mehr solche, die gewöhnlich oder klein sind. In gleicher Weise wird er durch Unehre nicht niedergeschlagen, sondern verachtet sie, da er erkennt, dass er sie nicht verdient.