II-II, q. 129 a. 3
Ob die Großmut eine Tugend ist?
Quaestio 129 · Von der Großmut
Einwand 1: Es scheint, dass die Großmut keine Tugend ist. Denn jede sittliche Tugend wahrt die Mitte. Die Großmut aber wahrt nicht die Mitte, sondern das größere Extrem: weil der „Großmütige sich selbst der größten Dinge für würdig hält“ (Ethic. iv, 3). Also ist die Großmut keine Tugend.
Einwand 2: Ferner: Wer eine Tugend hat, hat sie alle, wie oben gesagt wurde (I-II, Quaestio 65, Artikel 1). Man kann aber eine Tugend haben, ohne die Großmut zu besitzen: da der Philosoph sagt (Ethic. iv, 3), dass „wer kleiner Dinge würdig ist und sich ihrer für würdig hält, mäßig ist, aber nicht großmütig“. Also ist die Großmut keine Tugend.
Einwand 3: Ferner: „Tugend ist eine gute Qualität des Gemüts“, wie oben gesagt wurde (I-II, Quaestio 55, Artikel 4). Die Großmut aber impliziert gewisse Dispositionen des Körpers: denn der Philosoph sagt (Ethic. iv, 3) von „einem großmütigen Menschen, dass sein Gang langsam ist, seine Stimme tief und seine Rede ruhig“. Also ist die Großmut keine Tugend.
Einwand 4: Ferner: Keine Tugend ist einer anderen Tugend entgegengesetzt. Die Großmut aber ist der Demut entgegengesetzt, da „der Großmütige sich großer Dinge für würdig hält und andere verachtet“, gemäß Ethic. iv, 3. Also ist die Großmut keine Tugend.
Einwand 5: Ferner: Die Eigenschaften jeder Tugend sind lobenswert. Die Großmut aber hat gewisse Eigenschaften, die Tadel hervorrufen. Denn erstens ist der Großmütige undankbar für Wohltaten; zweitens ist er untätig und langsam im Handeln; drittens bedient er sich der Ironie gegenüber vielen; viertens ist er unfähig, mit anderen umzugehen; fünftens, weil er sich an die unfruchtbaren Dinge hält statt an jene, die fruchtbar sind. Also ist die Großmut keine Tugend.
Dagegen spricht, dass zum Lob gewisser Männer geschrieben steht (2 Makk 15,18): „Nikanor aber hörte von der Tapferkeit der Gefährten des Judas und von der Größe des Mutes [animi magnitudinem], mit der sie für das Vaterland kämpften, und fürchtete sich, die Sache mit dem Schwert zu entscheiden.“ Nun sind nur Taten der Tugend des Lobes würdig. Also ist die Großmut, die in der Größe des Mutes besteht, eine Tugend.
Ich antworte darauf, dass das Wesen der menschlichen Tugend darin besteht, das Gut der Vernunft in den menschlichen Angelegenheiten zu wahren, denn dies ist das eigentliche Gut des Menschen. Unter den äußeren menschlichen Dingen nun nehmen die Ehren den Vorrang vor allen anderen ein, wie oben gesagt wurde (Artikel 1; I-II, Quaestio 11, Artikel 2, Einwand 3). Daher ist die Großmut, welche das Maß der Vernunft in großen Ehren wahrt, eine Tugend.
Antwort auf Einwand 1: Wie der Philosoph wiederum sagt (Ethic. iv, 3), „geht der Großmütige der Quantität nach ins Extrem“, insofern er nach dem Größten strebt, „aber in Bezug auf das, was sich ziemt, folgt er der Mitte“, weil er nach den größten Dingen gemäß der Vernunft strebt, denn „er hält sich für würdig gemäß seinem Wert“ (Ethic. iv, 3), da seine Ziele seine Verdienste nicht übersteigen.
Antwort auf Einwand 2: Die gegenseitige Verbindung der Tugenden bezieht sich nicht auf ihre Akte, als ob jeder fähig wäre, die Akte aller Tugenden auszuüben. Daher ziemt der Akt der Großmut nicht jedem tugendhaften Menschen, sondern nur großen Menschen. Andererseits sind in Bezug auf die Prinzipien der Tugend, nämlich Klugheit und Gnade, alle Tugenden miteinander verbunden, da ihre Habitus zusammen in der Seele wohnen, entweder im Akt oder im Wege einer nahen Disposition dazu. So ist es möglich, dass jemand, dem der Akt der Großmut nicht zukommt, den Habitus der Großmut besitzt, wodurch er disponiert ist, jenen Akt auszuüben, wenn er ihm gemäß seinem Stand zukäme.
Antwort auf Einwand 3: Die Bewegungen des Körpers unterscheiden sich gemäß den verschiedenen Auffassungen und Regungen der Seele. Und so geschieht es, dass der Großmut gewisse feste Akzidenzien im Wege körperlicher Bewegungen zukommen. Denn Schnelligkeit der Bewegung resultiert daraus, dass ein Mensch auf viele Dinge bedacht ist, die er eilig zu erledigen sucht, wohingegen der Großmütige nur auf große Dinge bedacht ist; diese sind wenige und erfordern große Aufmerksamkeit, weshalb sie nach langsamer Bewegung verlangen. Ebenso kommt schrilles und schnelles Sprechen hauptsächlich jenen zu, die schnell bereit sind, über irgendetwas zu streiten, und dies ziemt sich nicht für den Großmütigen, der nur mit großen Dingen beschäftigt ist. Und so wie diese Dispositionen der körperlichen Bewegungen dem großmütigen Menschen gemäß der Art seiner Regungen zukommen, so finden sich diese Bedingungen auch natürlicherweise in jenen, die von Natur aus zur Großmut veranlagt sind.
Antwort auf Einwand 4: Es gibt im Menschen etwas Großes, das er durch die Gabe Gottes besitzt; und etwas Mangelhaftes, das ihm durch die Schwäche der Natur zukommt. Demgemäß lässt die Großmut einen Menschen sich selbst großer Dinge für würdig halten in Anbetracht der Gaben, die er von Gott hat: so lässt ihn die Großmut, wenn seine Seele mit großer Tugend begabt ist, nach vollkommenen Werken der Tugend streben; und dasselbe gilt für den Gebrauch jedes anderen Gutes, wie Wissenschaft oder äußeres Glück. Andererseits lässt die Demut einen Menschen gering von sich denken in Anbetracht seiner eigenen Mangelhaftigkeit, und die Großmut lässt ihn andere verachten, insofern sie von den Gaben Gottes abfallen: da er andere nicht so hoch schätzt, dass er um ihretwillen etwas Unrechtes täte. Doch die Demut lässt uns andere ehren und sie höher achten als uns selbst, insofern wir einige der Gaben Gottes in ihnen sehen. Daher steht über den Gerechten geschrieben (Ps 14,4): „In seinen Augen ist der Verworfene verachtet“, was auf die Verachtung der Großmut hinweist, „aber er ehrt jene, die den Herrn fürchten“, was auf die ehrerbietige Haltung der Demut deutet. Es ist daher offensichtlich, dass Großmut und Demut einander nicht entgegengesetzt sind, obwohl sie in entgegengesetzte Richtungen zu tendieren scheinen, weil sie gemäß verschiedenen Rücksichten verfahren.
Antwort auf Einwand 5: Diese Eigenschaften rufen, insofern sie einem großmütigen Menschen zugehören, nicht Tadel, sondern sehr großes Lob hervor. Denn erstens, wenn gesagt wird, dass der Großmütige derer nicht gedenkt, von denen er Wohltaten empfangen hat, so weist dies auf die Tatsache hin, dass er kein Vergnügen daran findet, Wohltaten von anderen anzunehmen, es sei denn, er vergelte sie mit noch größerer Wohltat; dies gehört zur Vollkommenheit der Dankbarkeit, in deren Akt er sich auszeichnen will, so wie in den Akten anderer Tugenden. Zweitens wird gesagt, dass er untätig und langsam im Handeln ist, nicht dass es ihm daran mangelt, das zu tun, was ihm ziemt, sondern weil er sich nicht mit allen Arten von Werken beschäftigt, sondern nur mit großen Werken, wie sie ihm ziemen. Drittens wird gesagt, dass er Ironie anwendet, nicht als Gegensatz zur Wahrheit, um etwa von sich selbst schlechte Dinge zu sagen, die nicht wahr sind, oder große Dinge zu leugnen, die wahr sind, sondern weil er nicht seine ganze Größe enthüllt, besonders nicht der großen Zahl jener, die unter ihm stehen, da es, wie auch der Philosoph sagt (Ethic. iv, 3), „einem großmütigen Menschen zukommt, groß zu sein gegenüber Personen von Würde und Reichtum, und bescheiden gegenüber dem Mittelstand“. Viertens wird gesagt, dass er nicht mit anderen umgehen kann: dies bedeutet, dass er mit anderen als seinen Freunden nicht vertraut ist: weil er Schmeichelei und Heuchelei, die zur Kleinheit des Geistes gehören, gänzlich meidet. Aber er geht mit allen um, sowohl Großen als auch Kleinen, wie er soll, wie oben gesagt wurde (ad 1). Fünftens wird auch gesagt, dass er es vorzieht, unfruchtbare Dinge zu besitzen, nicht zwar irgendwelche, sondern gute, d. h. tugendhafte; denn in allen Dingen zieht er das Tugendhafte dem Nützlichen vor, als etwas Größeres: da das Nützliche gesucht wird, um einem Mangel abzuhelfen, was mit der Großmut unvereinbar ist.