II-II, q. 129 a. 6
Ob die Zuversicht (fiducia) zur Großmut gehört?
Quaestio 129 · Von der Großmut
Einwand 1: Es scheint, dass die Zuversicht nicht zur Großmut gehört. Denn ein Mensch kann nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf einen anderen Vertrauen haben, gemäß 2 Kor 3,4.5: „Solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott. Nicht dass wir tüchtig sind, etwas von uns selber zu denken, als wäre es aus uns selbst.“ Dies aber scheint mit der Idee der Großmut unvereinbar. Also gehört die Zuversicht nicht zur Großmut.
Einwand 2: Ferner: Zuversicht scheint der Furcht entgegengesetzt zu sein, gemäß Jes 12,2: „Ich werde voll Zuversicht handeln und mich nicht fürchten.“ Aber ohne Furcht zu sein, scheint eher der Tapferkeit verwandt zu sein. Also gehört die Zuversicht eher zur Tapferkeit als zur Großmut.
Einwand 3: Ferner: Lohn gebührt nur der Tugend. Aber der Zuversicht gebührt ein Lohn, gemäß Hebr 3,6, wo gesagt wird, dass wir das Haus Christi sind, „wenn wir die Zuversicht und den Ruhm der Hoffnung bis ans Ende festhalten“. Also ist die Zuversicht eine von der Großmut verschiedene Tugend: und dies wird durch die Tatsache bestätigt, dass Macrobius sie mit der Großmut aufzählt (In Somn. Scip. i).
Dagegen spricht, dass Tullius (De Inv. Rhet. ii) die Zuversicht für die Großmut zu setzen scheint, wie oben in der vorhergehenden Quaestio (ad 6) und im Prolog zu dieser gesagt wurde.
Ich antworte darauf, dass die Zuversicht (fiducia) ihren Namen von „fides“ [Glaube/Treue] hat: und es gehört zum Glauben, etwas zu glauben und an jemanden zu glauben. Aber die Zuversicht gehört zur Hoffnung, gemäß Ijob 11,18: „Du wirst Zuversicht haben, da Hoffnung dir vorgesetzt ist.“ Daher bezeichnet Zuversicht anscheinend hauptsächlich, dass ein Mensch Hoffnung schöpft, indem er dem Wort dessen glaubt, der ihm Hilfe verspricht. Da jedoch Glaube auch eine starke Meinung bedeutet, und da man zu einer starken Meinung über etwas kommen kann, nicht nur aufgrund der Aussage eines anderen, sondern auch aufgrund von etwas, das wir an einem anderen beobachten, folgt daraus, dass Zuversicht die Hoffnung bezeichnen kann, etwas zu erlangen, welche Hoffnung wir empfangen, indem wir etwas beobachten, entweder an sich selbst – zum Beispiel, indem er beobachtet, dass er gesund ist, ist ein Mensch zuversichtlich, dass er lange leben wird; oder an einem anderen, zum Beispiel, indem er beobachtet, dass ein anderer ihm freundlich gesinnt und mächtig ist, ist ein Mensch zuversichtlich, dass er Hilfe von ihm erhalten wird.
Nun wurde oben gesagt (Artikel 1, ad 2), dass die Großmut hauptsächlich die Hoffnung auf etwas Schwieriges betrifft. Da also Zuversicht eine gewisse Stärke der Hoffnung bezeichnet, die aus einer Beobachtung herrührt, welche einem eine starke Meinung gibt, dass man ein bestimmtes Gut erlangen wird, folgt daraus, dass die Zuversicht zur Großmut gehört.
Antwort auf Einwand 1: Wie der Philosoph sagt (Ethic. iv, 3), gehört es zum „Großmütigen, nichts zu bedürfen“, denn Bedürftigkeit ist ein Zeichen des Mangelhaften. Aber dies ist gemäß der Weise eines Menschen zu verstehen, daher fügt er hinzu „oder kaum etwas“. Denn es übersteigt den Menschen, gar nichts zu bedürfen. Denn jeder Mensch bedarf erstens des göttlichen Beistands, zweitens sogar des menschlichen Beistands, da der Mensch von Natur aus ein soziales Lebewesen ist, denn er ist sich selbst nicht genug, um für sein eigenes Leben zu sorgen. Demgemäß gehört es, insofern er anderer bedarf, zu einem großmütigen Mann, Zuversicht zu anderen zu haben, denn es ist auch ein Punkt der Vorzüglichkeit in einem Menschen, dass er solche zur Hand haben sollte, die fähig sind, ihm dienlich zu sein. Und soweit seine eigene Fähigkeit reicht, gehört es zu einem großmütigen Mann, Zuversicht zu sich selbst zu haben.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben gesagt wurde (I-II, Quaestio 23, Artikel 2; I-II, Quaestio 40, Artikel 4), als wir von den Leidenschaften handelten, ist die Hoffnung der Verzweiflung direkt entgegengesetzt, weil letztere denselben Gegenstand hat, nämlich das Gute. Aber was die Gegensätzlichkeit der Gegenstände betrifft, ist sie der Furcht entgegengesetzt, weil deren Gegenstand das Übel ist. Nun bezeichnet Zuversicht eine gewisse Stärke der Hoffnung, weshalb sie der Furcht entgegengesetzt ist, so wie die Hoffnung es ist. Da jedoch die Tapferkeit einen Menschen eigentlich in Bezug auf das Übel stärkt, und die Großmut in Bezug auf die Erlangung des Guten, folgt daraus, dass die Zuversicht eigentlicher zur Großmut gehört als zur Tapferkeit. Doch weil die Hoffnung den Wagemut verursacht, welcher zur Tapferkeit gehört, folgt daraus in Konsequenz, dass die Zuversicht zur Tapferkeit gehört.
Antwort auf Einwand 3: Zuversicht bezeichnet, wie oben gesagt, einen gewissen Modus der Hoffnung: denn Zuversicht ist durch eine starke Meinung gestärkte Hoffnung. Nun kann der auf eine Regung angewandte Modus nach Lob des Aktes verlangen, so dass er verdienstvoll wird, doch ist es nicht dies, was ihn zu einer Spezies der Tugend zieht, sondern seine Materie. Daher kann Zuversicht, genau gesprochen, keine Tugend bezeichnen, obwohl sie die Bedingungen einer Tugend bezeichnen kann. Aus diesem Grund wird sie unter den Teilen der Tapferkeit gerechnet, nicht als eine angegliederte Tugend, außer als identifiziert mit der Großmut durch Tullius (De Inv. Rhet. ii), sondern als ein integrierender Teil, wie in der vorhergehenden Quaestio gesagt wurde.