II-II, q. 118 a. 7
Ob der Geiz ein Hauptlaster ist?
Quaestio 118 · Von den der Freigebigkeit entgegengesetzten Lastern, und zwar zuerst vom Geiz.
Einwand 1: Es scheint, dass der Geiz kein Hauptlaster ist. Denn der Geiz ist der Freigebigkeit als der Mitte und der Verschwendung als dem Extrem entgegengesetzt. Aber weder ist die Freigebigkeit eine Haupttugend, noch die Verschwendung ein Hauptlaster. Also sollte auch der Geiz nicht als Hauptlaster gerechnet werden.
Einwand 2: Ferner werden, wie oben dargelegt (FS, Frage [84], Artikel [3],4), jene Laster Hauptlaster genannt, die Hauptziele haben, auf welche die Ziele anderer Laster ausgerichtet sind. Aber dies trifft auf den Geiz nicht zu: da Reichtümer nicht den Aspekt eines Ziels haben, sondern eher von etwas, das auf ein Ziel ausgerichtet ist, wie in Ethic. i, 5 dargelegt. Also ist der Geiz kein Hauptlaster.
Einwand 3: Ferner sagt Gregor (Moral. xv), dass „Geiz manchmal aus Stolz, manchmal aus Furcht entsteht. Denn es gibt jene, die, wenn sie denken, dass ihnen das Nötige für ihre Ausgaben fehlt, dem Geist erlauben, dem Geiz nachzugeben. Und es gibt andere, die, weil sie mehr angesehen sein wollen, zur Gier nach dem Eigentum anderer angestachelt werden.“ Also entsteht der Geiz aus anderen Lastern, anstatt ein Hauptlaster in Bezug auf andere Laster zu sein.
Dagegen spricht, dass Gregor (Moral. xxxi) den Geiz zu den Hauptlastern rechnet.
Ich antworte darauf, dass, wie im zweiten Einwand dargelegt, ein Hauptlaster eines ist, das unter dem Aspekt des Ziels andere Laster hervorruft: weil, wenn ein Ziel sehr begehrenswert ist, das Ergebnis ist, dass der Mensch durch das Verlangen danach daran geht, viele Dinge zu tun, seien sie gut oder böse. Nun ist das begehrenswerteste Ziel die Glückseligkeit oder das Glück, welches das letzte Ziel des menschlichen Lebens ist, wie oben dargelegt (FS, Frage [1], Artikel [4],7,8): weshalb ein Ding umso begehrenswerter ist, je mehr es mit den Bedingungen der Glückseligkeit ausgestattet ist. Auch ist eine der Bedingungen der Glückseligkeit, dass sie sich selbst genügt, sonst würde sie das Begehren des Menschen nicht zur Ruhe bringen, wie es das letzte Ziel tut. Nun versprechen Reichtümer große Selbstgenügsamkeit, wie Boethius sagt (De Consol. iii): der Grund dafür ist nach dem Philosophen (Ethic. v, 5), dass wir „Geld als Zeichen der Inbesitznahme von etwas gebrauchen“, und wiederum steht geschrieben (Koh 10,19): „Alles gehorcht dem Geld.“ Deshalb ist der Geiz, welcher das Verlangen nach Geld ist, ein Hauptlaster.
Antwort auf Einwand 1: Die Tugend wird in Übereinstimmung mit der Vernunft vervollkommnet, aber das Laster wird in Übereinstimmung mit der Neigung des sinnlichen Begehrens vervollkommnet. Nun gehören Vernunft und sinnliches Begehren nicht hauptsächlich derselben Gattung an, und folglich folgt nicht, dass das Hauptlaster der Haupttugend entgegengesetzt ist. Weshalb, obwohl die Freigebigkeit keine Haupttugend ist, da sie nicht das Hauptgut der Vernunft betrifft, der Geiz dennoch ein Hauptlaster ist, weil er das Geld betrifft, das einen Hauptplatz unter den sinnlichen Gütern einnimmt, aus dem im Artikel angegebenen Grund.
Andererseits ist die Verschwendung nicht auf ein Ziel ausgerichtet, das prinzipiell begehrenswert ist, tatsächlich scheint sie eher aus einem Mangel an Vernunft zu resultieren. Daher sagt der Philosoph (Ethic. iv, 1), dass „ein verschwenderischer Mann eher ein Narr als ein Schurke ist“.
Antwort auf Einwand 2: Es ist wahr, dass Geld auf etwas anderes als sein Ziel ausgerichtet ist: doch insofern es nützlich ist, um alle sinnlichen Dinge zu erlangen, enthält es in gewisser Weise alle Dinge virtuell. Daher hat es eine gewisse Ähnlichkeit mit der Glückseligkeit, wie im Artikel dargelegt.
Antwort auf Einwand 3: Nichts hindert ein Hauptlaster daran, manchmal aus anderen Lastern zu entstehen, wie oben dargelegt (Frage [36], Artikel [4], ad 1; FS, Frage [84], Artikel [4]), vorausgesetzt, dass es selbst häufig die Quelle anderer ist.