II-II, q. 118 a. 1
Ob der Geiz eine Sünde ist?
Quaestio 118 · Von den der Freigebigkeit entgegengesetzten Lastern, und zwar zuerst vom Geiz.
Einwand 1: Es scheint, dass der Geiz keine Sünde ist. Denn Geiz [avaritia] bezeichnet eine gewisse Gier nach Gold [aeris aviditas], weil er nämlich in einem Verlangen nach Geld besteht, worunter alle äußeren Güter verstanden werden können. Nun ist es keine Sünde, äußere Güter zu begehren: da der Mensch sie von Natur aus begehrt, sowohl weil sie dem Menschen von Natur aus unterworfen sind, als auch weil durch sie das Leben des Menschen erhalten wird (weshalb sie auch als seine Substanz bezeichnet werden). Also ist der Geiz keine Sünde.
Einwand 2: Ferner richtet sich jede Sünde entweder gegen Gott, oder gegen den Nächsten, oder gegen einen selbst, wie oben dargelegt wurde (FS, Frage [72], Artikel [4]). Aber der Geiz ist eigentlich keine Sünde gegen Gott: da er weder der Religion noch den theologischen Tugenden entgegengesetzt ist, durch welche der Mensch auf Gott hingeordnet wird. Auch ist er keine Sünde gegen sich selbst, denn dies kommt eigentlich der Völlerei und der Unkeuschheit zu, wovon der Apostel sagt (1 Kor 6,18): „Wer Unzucht treibt, sündigt gegen den eigenen Leib.“ Ebenso ist er anscheinend keine Sünde gegen den Nächsten, da ein Mensch niemandem schadet, wenn er das Seine behält. Also ist der Geiz keine Sünde.
Einwand 3: Ferner sind Dinge, die natürlich vorkommen, keine Sünden. Nun kommt der Geiz dem Alter und jeder Art von Mangel von Natur aus zu, wie der Philosoph sagt (Ethic. iv, 1). Also ist der Geiz keine Sünde.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Hebr 13,5): „Euer Wandel sei ohne Geiz; begnügt euch mit dem, was vorhanden ist.“
Ich antworte darauf, dass in allen Dingen, in denen das Gute in einem rechten Maß besteht, das Böse notwendigerweise durch Übermaß oder Mangel dieses Maßes entsteht. Nun besteht in allen Dingen, die auf ein Ziel ausgerichtet sind, das Gute in einem gewissen Maß: da alles, was auf ein Ziel hingeordnet ist, dem Ziel angemessen sein muss, wie zum Beispiel die Medizin der Gesundheit angemessen ist, wie der Philosoph bemerkt (Polit. i, 6). Äußere Güter fallen unter den Begriff der Dinge, die für ein Ziel nützlich sind, wie oben dargelegt (Frage [117], Artikel [3]; FS, Frage [2], Artikel [1]). Daher muss das Gut des Menschen in Bezug auf sie notwendigerweise in einem gewissen Maß bestehen, mit anderen Worten, dass der Mensch danach strebt, äußere Reichtümer in einem gewissen Maß zu besitzen, insofern sie für ihn notwendig sind, um gemäß seinem Lebensstand zu leben. Deshalb wird es für ihn eine Sünde sein, dieses Maß zu überschreiten, indem er sie unmäßig zu erwerben oder zu behalten wünscht. Dies ist es, was mit Geiz gemeint ist, der als „unmäßige Liebe zum Besitz“ definiert wird. Es ist daher offensichtlich, dass der Geiz eine Sünde ist.
Antwort auf Einwand 1: Es ist dem Menschen natürlich, äußere Dinge als Mittel zum Zweck zu begehren: weshalb dieses Begehren frei von Sünde ist, insofern es durch die Regel, die von der Natur des Ziels genommen ist, im Zaum gehalten wird. Aber der Geiz überschreitet diese Regel und ist daher eine Sünde.
Antwort auf Einwand 2: Geiz kann Unmäßigkeit in Bezug auf äußere Dinge auf zwei Arten bedeuten. Erstens so, dass er sich unmittelbar auf den Erwerb und das Behalten solcher Dinge bezieht, wenn nämlich ein Mensch sie mehr als gebührend erwirbt oder behält. Auf diese Weise ist er eine Sünde direkt gegen den Nächsten, da ein Mensch nicht im Überfluss an äußeren Reichtümern leben kann, ohne dass es einem anderen daran mangelt, denn zeitliche Güter können nicht von vielen gleichzeitig besessen werden. Zweitens kann er Unmäßigkeit in der inneren Neigung bedeuten, die ein Mensch zu Reichtümern hat, wenn zum Beispiel ein Mensch sie unmäßig liebt, begehrt oder sich an ihnen erfreut. Auf diese Weise sündigt der Mensch durch Geiz gegen sich selbst, weil er Unordnung in seinen Neigungen verursacht, wenn auch nicht in seinem Körper, wie es die Sünden des Fleisches tun.
In der Folge jedoch ist er eine Sünde gegen Gott, so wie alle Todsünden, insofern der Mensch die ewigen Dinge um der zeitlichen Dinge willen verachtet.
Antwort auf Einwand 3: Natürliche Neigungen sollten gemäß der Vernunft geregelt werden, welche die herrschende Kraft in der menschlichen Natur ist. Daher sind alte Menschen, auch wenn sie gieriger die Hilfe äußerer Dinge suchen, so wie jeder Bedürftige danach strebt, dass seinem Mangel abgeholfen wird, nicht von der Sünde entschuldigt, wenn sie dieses rechte Maß der Vernunft in Bezug auf Reichtümer überschreiten.