I-II, q. 87 a. 8
Ob jemand für die Sünde eines anderen bestraft wird?
Quaestio 87 · Von der Strafschuld
Einwand 1: Es scheint, dass einer für die Sünde eines anderen bestraft werden kann. Denn es steht geschrieben (Ex 20,5): „Ich bin ... Gott ... ein eifernder, der die Missetat der Väter an den Kindern heimsucht, bis ins dritte und vierte Glied derer, die Mich hassen“; und (Mt 23,35): „Damit über euch komme all das gerechte Blut, das auf der Erde vergossen wurde.“
Einwand 2: Ferner entspringt die menschliche Gerechtigkeit der göttlichen Gerechtigkeit. Nun werden gemäß der menschlichen Gerechtigkeit Kinder manchmal für ihre Eltern bestraft, wie im Falle des Hochverrats. Also wird auch gemäß der göttlichen Gerechtigkeit einer für die Sünde eines anderen bestraft.
Einwand 3: Ferner, wenn geantwortet wird, dass der Sohn nicht für die Sünde des Vaters bestraft wird, sondern für seine eigene, insofern er die Bosheit seines Vaters nachahmt; so würde dies nicht eher von den Kindern gesagt werden als von Außenstehenden, die in gleicher Weise bestraft werden wie jene, deren Verbrechen sie nachahmen. Es scheint daher, dass Kinder nicht für ihre eigenen Sünden bestraft werden, sondern für die ihrer Eltern.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Ez 18,20): „Der Sohn soll nicht die Missetat des Vaters tragen.“
Ich antworte darauf, dass, wenn wir von jener genugtuenden Strafe sprechen, die einer freiwillig auf sich nimmt, man die Strafe eines anderen tragen kann, insofern sie in gewisser Weise eins sind, wie oben dargelegt (Artikel [7]). Wenn wir jedoch von einer Strafe sprechen, die wegen der Sünde verhängt wird, insofern sie strafend ist, dann wird jeder nur für seine eigene Sünde bestraft, weil der sündige Akt etwas Persönliches ist. Aber wenn wir von einer Strafe sprechen, die heilend ist, so geschieht es auf diese Weise, dass einer für die Sünde eines anderen bestraft wird. Denn es wurde dargelegt (Artikel [7]), dass Übel, die an körperlichen Gütern oder sogar am Körper selbst erlitten werden, heilende Strafen sind, die für die Gesundheit der Seele bestimmt sind. Weshalb es keinen Grund gibt, warum einem nicht solche Strafen für die Sünde eines anderen auferlegt werden sollten, entweder von Gott oder vom Menschen; z.B. Kindern für ihre Eltern oder Dienern für ihre Herren, insofern sie sozusagen deren Eigentum sind; jedoch in solcher Weise, dass, wenn die Kinder oder die Diener an der Sünde teilhaben, dieses strafende Übel den Charakter der Strafe in Bezug auf sowohl den Bestraften als auch den, für den er bestraft wird, hat. Aber wenn sie nicht an der Sünde teilhaben, hat es den Charakter der Strafe in Bezug auf denjenigen, für den die Strafe getragen wird, während es in Bezug auf denjenigen, der bestraft wird, bloß heilend ist (außer akzidentell, wenn er der Sünde des anderen zustimmt), da es zum Besten seiner Seele bestimmt ist, wenn er es geduldig erträgt.
In Bezug auf geistliche Strafen sind diese nicht bloß heilend, weil das Gut der Seele nicht auf ein noch höheres Gut ausgerichtet ist. Folglich erleidet niemand Verlust an den Gütern der Seele ohne irgendeine eigene Schuld. Weshalb Augustinus sagt (Ep. ad Avit.) [*Ep. ad Auxilium, ccl.], dass solche Strafen nicht einem für die Sünde eines anderen auferlegt werden, weil der Sohn in Bezug auf die Seele nicht das Eigentum des Vaters ist. Daher gibt der Herr den Grund hierfür an, indem er sagt (Ez 18,4): „Alle Seelen sind Mein.“
Antwort auf Einwand 1: Beide zitierten Stellen sollten sich anscheinend auf zeitliche oder körperliche Strafen beziehen, insofern Kinder das Eigentum ihrer Eltern sind und die Nachkommenschaft das ihrer Vorfahren. Andernfalls, wenn sie auf geistliche Strafen bezogen werden, müssen sie in Bezug auf die Nachahmung der Sünde verstanden werden, weshalb im Exodus diese Worte hinzugefügt werden: „Derer, die Mich hassen“, und in dem zitierten Kapitel aus Matthäus (Vers 32) lesen wir: „Macht ihr dann das Maß eurer Väter voll.“ Die Sünden der Väter werden als in ihren Kindern bestraft bezeichnet, weil letztere eher dazu neigen zu sündigen, da sie inmitten der Verbrechen ihrer Eltern aufwachsen, sowohl indem sie sich an sie gewöhnen, als auch indem sie das Beispiel ihrer Eltern nachahmen und sich sozusagen deren Autorität anpassen. Überdies verdienen sie schwerere Strafe, wenn sie, obwohl sie die Strafe ihrer Eltern sehen, es versäumen, ihre Wege zu bessern. Der Text fügt hinzu: „bis ins dritte und vierte Glied“, weil Menschen gewohnt sind, lange genug zu leben, um die dritte und vierte Generation zu sehen, so dass sowohl die Kinder die Sünden ihrer Eltern bezeugen können, um sie nachzuahmen, als auch die Eltern die Strafen ihrer Kinder sehen können, um sich über sie zu grämen.
Antwort auf Einwand 2: Die Strafen, die die menschliche Gerechtigkeit einem für die Sünde eines anderen auferlegt, sind körperlich und zeitlich. Sie sind auch Heilmittel oder Medikamente gegen zukünftige Sünden, damit entweder jene, die bestraft werden, oder andere von ähnlichen Fehlern abgehalten werden.
Antwort auf Einwand 3: Jene, die nahe Verwandte sind, werden eher als Außenstehende für die Sünden anderer als bestraft bezeichnet, sowohl weil die Strafe der Verwandtschaft etwas auf jene zurückfällt, die gesündigt haben, wie oben dargelegt, insofern das Kind das Eigentum des Vaters ist, als auch weil die Beispiele und die Strafen, die im eigenen Haushalt vorkommen, bewegender sind. Folglich, wenn ein Mensch inmitten der Sünden seiner Eltern aufwächst, ist er eifriger, sie nachzuahmen, und wenn er nicht durch ihre Strafen abgeschreckt wird, scheint er umso verstockter zu sein und daher strengere Strafe zu verdienen.