I-II, q. 77 a. 6
Ob die Sünde aufgrund einer Leidenschaft gemildert wird?
Quaestio 77 · Von der Ursache der Sünde von seiten des sinnlichen Begehrungsvermögens
Einwand 1: Es scheint, dass die Sünde nicht aufgrund einer Leidenschaft gemildert wird. Denn die Vermehrung der Ursache trägt zur Wirkung bei: so bewirkt ein heißeres Ding, wenn ein heißes Ding etwas zum Schmelzen bringt, dies noch mehr. Nun ist Leidenschaft eine Ursache der Sünde, wie dargelegt (Artikel [5]). Daher ist die Sünde umso größer, je intensiver die Leidenschaft ist. Daher vermindert Leidenschaft die Sünde nicht, sondern vergrößert sie.
Einwand 2: Ferner steht eine gute Leidenschaft im gleichen Verhältnis zum Verdienst wie eine böse Leidenschaft zur Sünde. Nun vergrößert eine gute Leidenschaft das Verdienst: denn ein Mensch scheint umso mehr zu verdienen, je mehr er durch größeres Mitleid bewegt wird, einem Armen zu helfen. Daher vergrößert auch eine böse Leidenschaft eine Sünde eher, als dass sie sie vermindert.
Einwand 3: Ferner scheint ein Mensch umso schwerer zu sündigen, je mehr er mit intensiverem Willen sündigt. Aber die Leidenschaft, die den Willen antreibt, lässt ihn mit größerer Intensität zum sündhaften Akt tendieren. Daher erschwert Leidenschaft eine Sünde.
Dagegen spricht, dass die Leidenschaft der Begierde eine Versuchung des Fleisches genannt wird. Aber je größer die Versuchung, die einen Menschen überwindet, desto weniger schwerwiegend ist seine Sünde, wie Augustinus feststellt (De Civ. Dei iv, 12).
Ich antworte darauf, Die Sünde besteht wesentlich in einem Akt des freien Willens, welcher ein Vermögen des Willens und der Vernunft ist; während Leidenschaft eine Bewegung des sinnlichen Begehrungsvermögens ist. Nun kann das sinnliche Begehrungsvermögen auf den freien Willen bezogen werden, vorausgehend und nachfolgend: vorausgehend, insofern eine Leidenschaft des sinnlichen Begehrungsvermögens die Vernunft oder den Willen zieht oder neigt, wie oben dargelegt (Artikel [1], 2; Quaestio [10], Artikel [3]); und nachfolgend, insofern die Bewegungen der höheren Kräfte auf die niederen zurückfließen, da es nicht möglich ist, dass der Wille intensiv zu etwas bewegt wird, ohne dass eine Leidenschaft im sinnlichen Begehrungsvermögen erweckt wird.
Wenn wir dementsprechend die Leidenschaft als dem sündhaften Akt vorausgehend nehmen, muss sie notwendigerweise die Sünde vermindern: weil der Akt insofern eine Sünde ist, als er freiwillig ist und unter unserer Kontrolle steht. Nun wird eine Sache als unter unserer Kontrolle stehend bezeichnet durch die Vernunft und den Willen: und daher ist sie umso mehr freiwillig und unter unserer Kontrolle, je mehr Vernunft und Wille etwas aus eigenem Antrieb tun und nicht durch den Impuls einer Leidenschaft. In dieser Hinsicht vermindert Leidenschaft die Sünde, insofern sie ihre Freiwilligkeit vermindert.
Andererseits vermindert eine nachfolgende Leidenschaft eine Sünde nicht, sondern vergrößert sie; oder vielmehr ist sie ein Zeichen ihrer Schwere, insofern sie nämlich die Intensität des Willens zum sündhaften Akt zeigt; und so ist es wahr, dass die Sünde umso größer ist, mit je größerer Lust oder Begierde jemand sündigt.
Zu Einwand 1: Leidenschaft ist die Ursache der Sünde auf seiten dessen, wozu sich der Sünder hinwendet. Aber die Schwere einer Sünde wird bemessen auf seiten dessen, wovon er sich abwendet, was akzidentell aus seiner Hinwendung zu etwas anderem resultiert – akzidentell, d.h. neben seiner Absicht. Nun wird eine Wirkung durch die Vermehrung nicht ihrer akzidentellen Ursache, sondern ihrer direkten Ursache vergrößert.
Zu Einwand 2: Eine gute Leidenschaft, die dem Urteil der Vernunft nachfolgt, vergrößert das Verdienst; aber wenn sie vorausgeht, so dass ein Mensch eher durch seine Leidenschaft als durch das Urteil seiner Vernunft bewegt wird, gut zu handeln, vermindert eine solche Leidenschaft die Güte und Lobwürdigkeit seiner Handlung.
Zu Einwand 3: Obwohl die Bewegung des Willens, die durch die Leidenschaft angeregt wird, intensiver ist, ist sie doch nicht so sehr die eigene Bewegung des Willens, als wenn er allein durch die Vernunft zur Sünde bewegt würde.