I-II, q. 77 a. 5
Ob die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und der Hochmut des Lebens passend als Ursachen der Sünde bezeichnet werden?
Quaestio 77 · Von der Ursache der Sünde von seiten des sinnlichen Begehrungsvermögens
Einwand 1: Es scheint, dass „die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und der Hochmut des Lebens“ unpassend als Ursachen der Sünde bezeichnet werden. Denn gemäß dem Apostel (1 Tim 6,10) ist „die Habsucht die Wurzel aller Übel“. Nun ist der Hochmut des Lebens nicht in der Habsucht enthalten. Daher sollte er nicht unter die Ursachen der Sünde gerechnet werden.
Einwand 2: Ferner wird die Begierde des Fleisches hauptsächlich durch das erregt, was von den Augen gesehen wird, gemäß Dan 13,56: „Die Schönheit hat dich betrogen.“ Daher sollte die Begierde der Augen nicht neben der Begierde des Fleisches als eigener Teil aufgeführt werden.
Einwand 3: Ferner ist Begierde das Verlangen nach Lust, wie oben dargelegt (Quaestio [30], Artikel [2]). Nun werden Gegenstände der Lust nicht nur durch das Sehen, sondern auch durch die anderen Sinne wahrgenommen. Daher hätten auch „Begierde des Gehörs“ und der anderen Sinne erwähnt werden sollen.
Einwand 4: Ferner, so wie der Mensch durch ungeordnetes Verlangen nach guten Dingen zur Sünde verleitet wird, so wird er es auch durch ungeordnete Vermeidung übler Dinge, wie oben dargelegt (Artikel [4], ad 3). Aber hier wird nichts erwähnt, was zur Vermeidung des Übels gehört. Daher sind die Ursachen der Sünde unzureichend beschrieben.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (1 Joh 2,16): „Alles, was in der Welt ist, ist Begierde des Fleisches oder [Vulg.: ‚und‘] Hochmut des Lebens.“ Nun wird ein Ding „in der Welt“ genannt aufgrund der Sünde: weshalb geschrieben steht (1 Joh 5,19): „Die ganze Welt liegt im Argen.“ Daher sind diese drei Ursachen der Sünde.
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Artikel [4]), ist ungeordnete Eigenliebe die Ursache jeder Sünde. Nun schließt Eigenliebe ungeordnetes Verlangen nach Gutem ein: denn ein Mensch begehrt Gutes für den, den er liebt. Daher ist es offensichtlich, dass ungeordnetes Verlangen nach Gutem die Ursache jeder Sünde ist. Nun ist das Gute auf zweifache Weise Gegenstand des sinnlichen Begehrungsvermögens, worin die Leidenschaften sind, die die Ursache der Sünde sind: erstens schlechthin, insofern es Gegenstand des begehrenden Teils ist; zweitens unter dem Aspekt der Schwierigkeit, insofern es Gegenstand des zornmütigen Teils ist, wie oben dargelegt (Quaestio [23], Artikel [1]). Wiederum ist die Begierde zweifach, wie oben dargelegt (Quaestio [30], Artikel [3]). Die eine ist natürlich und auf jene Dinge gerichtet, die die Natur des Körpers erhalten, sei es in Bezug auf die Erhaltung des Individuums, wie Speise, Trank und dergleichen, oder in Bezug auf die Erhaltung der Art, wie geschlechtliche Dinge: und das ungeordnete Begehren solcher Dinge wird „Begierde des Fleisches“ genannt. Die andere ist geistige Begierde und auf jene Dinge gerichtet, die keine Erhaltung oder Lust in Bezug auf die fleischlichen Sinne gewähren, sondern in Bezug auf die Auffassung oder Einbildungskraft oder eine ähnliche Art der Wahrnehmung ergötzlich sind; solche sind Geld, Kleidung und dergleichen; und diese geistige Begierde wird „Begierde der Augen“ genannt, sei es, dass dies auf das Sehen selbst bezogen wird, dessen Organ die Augen sind, um Neugier zu bezeichnen gemäß Augustinus' Auslegung (Confess. x); oder auf die Begierde nach Dingen, die den Augen äußerlich dargeboten werden, um Habsucht zu bezeichnen, gemäß der Erklärung anderer.
Das ungeordnete Begehren des schwierigen Gutes gehört zum „Hochmut des Lebens“; denn Hochmut ist das ungeordnete Begehren nach Vorzüglichkeit, wie wir weiter unten darlegen werden (Quaestio [84], Artikel [2]; SS, Quaestio [162], Artikel [1]).
Es ist daher offensichtlich, dass alle Leidenschaften, die eine Ursache der Sünde sind, auf diese drei zurückgeführt werden können: da alle Leidenschaften des begehrenden Teils auf die ersten beiden zurückgeführt werden können und alle zornmütigen Leidenschaften auf die dritte, welche nicht in zwei geteilt wird, weil alle zornmütigen Leidenschaften der geistigen Begierde entsprechen.
Zu Einwand 1: „Hochmut des Lebens“ ist in der Habsucht enthalten, insofern letztere jede Art von Begehren nach jeder Art von Gut bezeichnet. Wie Habsucht als spezielles Laster, das unter dem Namen „Geiz“ geht, die Wurzel aller Sünden ist, soll weiter unten erklärt werden (Quaestio [84], Artikel [1]).
Zu Einwand 2: „Begierde der Augen“ bedeutet hier nicht die Begierde nach allen Dingen, die von den Augen gesehen werden können, sondern nur nach solchen Dingen, die keine fleischliche Lust in Bezug auf den Tastsinn gewähren, sondern in Bezug auf die Augen, d.h. auf irgendeine auffassende Kraft.
Zu Einwand 3: Der Sinn des Sehens ist der vorzüglichste aller Sinne und deckt einen größeren Bereich ab, wie in Metaph. i dargelegt: und so wird sein Name auf alle anderen Sinne übertragen und sogar auf die inneren Auffassungen, wie Augustinus feststellt (De Verb. Dom., serm. xxxiii).
Zu Einwand 4: Die Vermeidung des Übels wird durch das Begehren nach dem Guten verursacht, wie oben dargelegt (Quaestio [25], Artikel [2]; Quaestio [39], Artikel [2]); und so werden nur jene Leidenschaften erwähnt, die zum Guten neigen, da sie die Ursachen jener sind, die ungeordnet die Vermeidung des Übels verursachen.