I-II, q. 77 a. 4
Ob die Eigenliebe der Ursprung jeder Sünde ist?
Quaestio 77 · Von der Ursache der Sünde von seiten des sinnlichen Begehrungsvermögens
Einwand 1: Es scheint, dass die Eigenliebe nicht der Ursprung jeder Sünde ist. Denn was an sich gut und recht ist, ist nicht die eigentliche Ursache der Sünde. Nun ist die Liebe zu sich selbst an sich eine gute und rechte Sache: weshalb dem Menschen geboten wird, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben (Lev 19,18). Daher kann die Eigenliebe nicht die eigentliche Ursache der Sünde sein.
Einwand 2: Ferner sagt der Apostel (Röm 7,8): „Die Sünde nahm den Anlass durch das Gebot und bewirkte in mir allerlei Begierde“; zu welchen Worten eine Glosse sagt, dass „das Gesetz gut ist, da es, indem es die Begierde verbietet, alle Übel verbietet“, wofür der Grund ist, dass die Begierde die Ursache jeder Sünde ist. Nun ist die Begierde eine von der Liebe verschiedene Leidenschaft, wie oben dargelegt (Quaestio [3], Artikel [2]; Quaestio [23], Artikel [4]). Daher ist die Eigenliebe nicht die Ursache jeder Sünde.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus im Kommentar zu Ps 79,17, „Was im Feuer verbrannt und umgegraben ist“, dass „jede Sünde entweder auf Liebe zurückzuführen ist, die uns zu ungebührlicher Glut entfacht, oder auf Furcht, die falsche Demut hervorruft.“ Daher ist die Eigenliebe nicht die einzige Ursache der Sünde.
Einwand 4: Ferner, wie der Mensch zuweilen durch ungeordnete Liebe zu sich selbst sündigt, so tut er es manchmal durch ungeordnete Liebe zu seinem Nächsten. Daher ist die Eigenliebe nicht die Ursache jeder Sünde.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 28), dass „die Eigenliebe, die bis zur Verachtung Gottes reicht, die Stadt Babylon erbaut.“ Nun macht jede Sünde den Menschen zu einem Bürger Babylons. Daher ist die Eigenliebe die Ursache jeder Sünde.
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Quaestio [75], Artikel [1]), ist die eigentliche und direkte Ursache der Sünde von seiten der Hinwendung zu einem veränderlichen Gut zu betrachten; in welcher Hinsicht jeder sündhafte Akt aus einem ungeordneten Verlangen nach irgendeinem zeitlichen Gut hervorgeht. Nun ist die Tatsache, dass jemand ein zeitliches Gut ungeordnet begehrt, darauf zurückzuführen, dass er sich selbst ungeordnet liebt; denn jemandem etwas Gutes wünschen heißt ihn lieben. Daher ist es offensichtlich, dass ungeordnete Liebe zu sich selbst die Ursache jeder Sünde ist.
Zu Einwand 1: Wohlgeordnete Eigenliebe, durch die der Mensch ein angemessenes Gut für sich selbst begehrt, ist recht und natürlich; aber es ist die ungeordnete Eigenliebe, die zur Verachtung Gottes führt, die Augustinus (De Civ. Dei xiv, 28) als Ursache der Sünde rechnet.
Zu Einwand 2: Die Begierde, durch die ein Mensch Gutes für sich selbst begehrt, wird auf die Eigenliebe als ihre Ursache zurückgeführt, wie dargelegt.
Zu Einwand 3: Man sagt vom Menschen, dass er sowohl das Gut liebt, das er für sich begehrt, als auch sich selbst, dem er es begehrt. Die Liebe, insofern sie auf den Gegenstand des Begehrens gerichtet ist (z.B. sagt man, ein Mensch liebe Wein oder Geld), lässt als ihre Ursache die Furcht zu, welche zur Vermeidung des Übels gehört: denn jede Sünde entsteht entweder aus ungeordnetem Verlangen nach irgendeinem Gut oder aus ungeordneter Vermeidung irgendeines Übels. Aber jedes von diesen wird auf die Eigenliebe zurückgeführt, da der Mensch dadurch, dass er sich selbst liebt, entweder gute Dinge begehrt oder üble Dinge meidet.
Zu Einwand 4: Ein Freund ist wie ein anderes Selbst (Ethic. ix): weshalb die Sünde, die aus Liebe zu einem Freund begangen wird, aus Eigenliebe begangen zu werden scheint.