I-II, q. 68 a. 8
Ob die Tugenden vorzüglicher sind als die Gaben?
Quaestio 68 · Von den Gaben
Einwand 1: Es scheint, dass die Tugenden vorzüglicher sind als die Gaben. Denn Augustinus sagt (De Trin. xv, 18), während er von der Liebe spricht: „Keine Gabe Gottes ist vorzüglicher als diese. Sie allein ist es, die die Kinder des ewigen Reiches von den Kindern der ewigen Verdammnis scheidet. Andere Gaben werden vom Heiligen Geist verliehen, aber ohne die Liebe nützen sie nichts.“ Aber die Liebe ist eine Tugend. Also ist eine Tugend vorzüglicher als die Gaben des Heiligen Geistes.
Einwand 2: Ferner scheint das, was von Natur aus zuerst ist, vorzüglicher zu sein. Nun gehen die Tugenden den Gaben des Heiligen Geistes voraus; denn Gregor sagt (Moral. ii, 26), dass „die Gabe des Heiligen Geistes in dem Geist, an dem sie wirkt, zuallererst Gerechtigkeit, Klugheit, Stärke, Mäßigung formt ... und ihm danach eine Verfassung in den sieben Tugenden“ [nämlich den Gaben] „gibt“, so „dass sie gegen Torheit Weisheit verleiht; gegen Stumpfheit, Verstand; gegen Übereilung, Rat; gegen Furcht, Stärke; gegen Unwissenheit, Wissenschaft; gegen Härte des Herzens, Frömmigkeit; gegen Stolz, Furcht.“ Also sind die Tugenden vorzüglicher als die Gaben.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (De Lib. Arb. ii, 19), dass „die Tugenden nicht zu bösem Zweck gebraucht werden können.“ Aber es ist möglich, die Gaben übel zu gebrauchen, denn Gregor sagt (Moral. i, 18): „Wir bringen das Opfer des Gebets dar ... damit nicht Weisheit überhebe; oder Verstand, während er flink läuft, vom rechten Pfad abweiche; oder Rat, während er sich vervielfacht, in Verwirrung gerate; dass Stärke, während sie Zuversicht gibt, uns nicht tollkühn mache; damit nicht Wissenschaft, während sie weiß und doch nicht liebt, den Geist aufblähe; damit nicht Frömmigkeit, während sie von der geraden Linie abweicht, verzerrt werde; und damit nicht Furcht, während sie übermäßig beunruhigt ist, uns in die Grube der Verzweiflung stürze.“ Also sind die Tugenden vorzüglicher als die Gaben des Heiligen Geistes.
Dagegen spricht, dass die Gaben verliehen werden, um den Tugenden beizustehen und bestimmte Mängel zu beheben, wie in der zitierten Passage (Einwand 2) gezeigt wird, so dass sie scheinbar vollbringen, was die Tugenden nicht können. Also sind die Gaben vorzüglicher als die Tugenden.
Ich antworte darauf, Wie oben gezeigt wurde (Frage 58, Artikel 3; Frage 62, Artikel 1), gibt es drei Arten von Tugenden: denn einige sind theologische, einige intellektuelle und einige moralische. Die theologischen Tugenden sind jene, durch die der Geist des Menschen mit Gott vereint wird; die intellektuellen Tugenden sind jene, durch die die Vernunft selbst vervollkommnet wird; und die moralischen Tugenden sind jene, die die Kräfte des Begehrens im Gehorsam gegenüber der Vernunft vervollkommnen. Andererseits disponieren die Gaben des Heiligen Geistes alle Kräfte der Seele, um für die göttliche Bewegung empfänglich zu sein.
Dementsprechend scheinen die Gaben mit den theologischen Tugenden, durch die der Mensch mit dem Heiligen Geist, seinem Beweger, vereint wird, auf dieselbe Weise verglichen zu werden, wie die moralischen Tugenden mit den intellektuellen Tugenden verglichen werden, welche die Vernunft vervollkommnen, das bewegende Prinzip der moralischen Tugenden. Weshalb, so wie die intellektuellen Tugenden vorzüglicher sind als die moralischen Tugenden und sie kontrollieren, so sind die theologischen Tugenden vorzüglicher als die Gaben des Heiligen Geistes und regeln sie. Daher sagt Gregor (Moral. i, 12), dass „die sieben Söhne“, d. h. die sieben Gaben, „niemals die Vollkommenheit der Zahl zehn erreichen, wenn nicht alles, was sie tun, in Glaube, Hoffnung und Liebe getan wird.“
Aber wenn wir die Gaben mit den anderen Tugenden vergleichen, den intellektuellen und moralischen, dann haben die Gaben den Vorrang vor den Tugenden. Weil die Gaben die Kräfte der Seele in Beziehung zum Heiligen Geist, ihrem Beweger, vervollkommnen; wohingegen die Tugenden entweder die Vernunft selbst oder die anderen Kräfte in Beziehung zur Vernunft vervollkommnen: und es ist offensichtlich, dass je erhabener der Beweger ist, desto vorzüglicher die Disposition ist, durch die das Bewegte disponiert zu werden verlangt. Daher sind die Gaben vollkommener als die Tugenden.
Antwort auf Einwand 1: Die Liebe ist eine theologische Tugend; und wir geben zu, dass solche vollkommener sind als die Gaben.
Antwort auf Einwand 2: Es gibt zwei Arten, wie eine Sache einer anderen vorausgeht. Die eine ist in der Ordnung der Vollkommenheit und Würde, wie die Liebe zu Gott der Liebe zum Nächsten vorausgeht: und auf diese Weise gehen die Gaben den intellektuellen und moralischen Tugenden voraus, folgen aber den theologischen Tugenden. Die andere ist die Ordnung der Entstehung oder Disposition: so geht die Liebe zum Nächsten der Liebe zu Gott voraus, was den Akt betrifft: und auf diese Weise gehen moralische und intellektuelle Tugenden den Gaben voraus, da der Mensch, indem er seiner eigenen Vernunft gut untergeordnet ist, disponiert wird, Gott recht untergeordnet zu sein.
Antwort auf Einwand 3: Weisheit und Verstand und dergleichen sind Gaben des Heiligen Geistes, insofern sie durch die Liebe belebt werden, die „nicht verkehrt handelt“ (1 Kor 13,4). Folglich können Weisheit und Verstand und dergleichen nicht zu bösem Zweck gebraucht werden, insofern sie Gaben des Heiligen Geistes sind. Aber damit sie nicht von der Vollkommenheit der Liebe abweichen, stehen sie einander bei. Dies ist es, was Gregor sagen will.