I-II, q. 68 a. 3
Ob die Gaben des Heiligen Geistes Habitus sind?
Quaestio 68 · Von den Gaben
Einwand 1: Es scheint, dass die Gaben des Heiligen Geistes keine Habitus sind. Denn ein Habitus ist eine im Menschen bleibende Qualität, definiert als „eine schwer zu entfernende Qualität“, wie in den Prädikamenten (Categor. vi) dargelegt. Nun ist es Christus eigen, dass die Gaben des Heiligen Geistes in Ihm ruhen, wie in Jes 11,2.3 dargelegt: „Auf welchen du sehen wirst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist's, der da tauft“; zu welchen Worten Gregor wie folgt kommentiert (Moral. ii, 27): „Der Heilige Geist kommt über alle Gläubigen; aber in einzigartiger Weise wohnt Er immer im Mittler.“ Also sind die Gaben des Heiligen Geistes keine Habitus.
Einwand 2: Ferner vervollkommnen die Gaben des Heiligen Geistes den Menschen, insofern er vom Geist Gottes bewegt wird, wie oben dargelegt (Artikel 1.2). Aber insofern der Mensch vom Geist Gottes bewegt wird, ist er Ihm gegenüber gewissermaßen wie ein Werkzeug. Nun geziemt es sich nicht für ein Werkzeug, durch einen Habitus vervollkommnet zu werden, sondern für einen Hauptwirkenden. Also sind die Gaben des Heiligen Geistes keine Habitus.
Einwand 3: Ferner, wie die Gaben des Heiligen Geistes auf göttliche Eingebung zurückzuführen sind, so ist es auch die Gabe der Prophetie. Nun ist Prophetie kein Habitus: denn „der Geist der Prophetie wohnt nicht immer in den Propheten“, wie Gregor feststellt (Hom. i in Ezechiel). Also sind es auch die Gaben des Heiligen Geistes nicht.
Dagegen spricht, dass unser Herr, als Er vom Heiligen Geist sprach, zu Seinen Jüngern sagte (Joh 14,17): „Er wird bei euch bleiben und in euch sein.“ Nun ist der Heilige Geist nicht in einem Menschen ohne Seine Gaben. Also bleiben Seine Gaben im Menschen. Daher sind sie nicht bloß Akte oder Leidenschaften, sondern bleibende Habitus.
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Artikel 1), sind die Gaben Vollkommenheiten des Menschen, durch die er für die Eingebungen des Heiligen Geistes empfänglich wird. Nun ist aus dem bereits Gesagten (Frage 56, Artikel 4; Frage 58, Artikel 2) ersichtlich, dass die moralischen Tugenden das Begehrungsvermögen vervollkommnen, insofern es etwas von der Vernunft teilhat, insofern es nämlich eine natürliche Eignung besitzt, vom Befehl der Vernunft bewegt zu werden. Dementsprechend verhalten sich die Gaben des Heiligen Geistes im Vergleich zum Heiligen Geist selbst zum Menschen so, wie sich die moralischen Tugenden im Vergleich zur Vernunft zum Begehrungsvermögen verhalten. Nun sind die moralischen Tugenden Habitus, durch welche die Kräfte des Begehrens disponiert werden, der Vernunft prompt zu gehorchen. Also sind die Gaben des Heiligen Geistes Habitus, durch die der Mensch vervollkommnet wird, um dem Heiligen Geist bereitwillig zu gehorchen.
Antwort auf Einwand 1: Gregor löst diesen Einwand (Moral. ii, 27), indem er sagt, dass „durch jene Gaben, ohne die man das Leben nicht erlangen kann, der Heilige Geist immer in allen Auserwählten bleibt, aber nicht durch Seine anderen Gaben.“ Nun sind die sieben Gaben zum Heile notwendig, wie oben dargelegt (Artikel 2). Daher bleibt der Heilige Geist im Hinblick auf sie immer in den heiligen Menschen.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument gilt im Falle eines Werkzeugs, das kein Vermögen zum Handeln hat, sondern nur dazu, behandelt zu werden. Aber der Mensch ist kein Werkzeug dieser Art; denn er wird so vom Heiligen Geist behandelt, dass er auch selbst handelt, insofern er einen freien Willen hat. Daher benötigt er einen Habitus.
Antwort auf Einwand 3: Die Prophetie ist eine jener Gaben, die zur Offenbarung des Geistes dienen, nicht zur Notwendigkeit des Heils: daher versagt der Vergleich.