I-II, q. 68 a. 6
Ob die Gaben des Heiligen Geistes im Himmel bleiben?
Quaestio 68 · Von den Gaben
Einwand 1: Es scheint, dass die Gaben des Heiligen Geistes nicht im Himmel bleiben. Denn Gregor sagt (Moral. ii, 26), dass mittels Seiner siebenfältigen Gabe der „Heilige Geist den Geist gegen alle Versuchungen unterweist.“ Nun wird es im Himmel keine Versuchungen geben, gemäß Jes 11,9: „Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge.“ Also wird es im Himmel keine Gaben des Heiligen Geistes geben.
Einwand 2: Ferner sind die Gaben des Heiligen Geistes Habitus, wie oben dargelegt (Artikel 3). Aber Habitus sind von keinem Nutzen, wo ihre Akte unmöglich sind. Nun sind die Akte einiger Gaben im Himmel nicht möglich; denn Gregor sagt (Moral. i, 15), dass „Verstand ... die gehörten Wahrheiten durchdringt ... Rat ... uns davon abhält, übereilt zu handeln ... Stärke ... keine Furcht vor Widrigkeiten hat ... Frömmigkeit das innerste Herz mit Werken der Barmherzigkeit erfüllt“, was alles mit dem himmlischen Zustand unvereinbar ist. Also werden diese Gaben nicht im Zustand der Herrlichkeit bleiben.
Einwand 3: Ferner vervollkommnen einige der Gaben den Menschen im kontemplativen Leben, z. B. Weisheit und Verstand: und einige im aktiven Leben, z. B. Frömmigkeit und Stärke. Nun endet das aktive Leben mit diesem, wie Gregor feststellt (Moral. vi). Also werden nicht alle Gaben des Heiligen Geistes im Zustand der Herrlichkeit sein.
Dagegen spricht, dass Ambrosius sagt (De Spiritu Sancto i, 20): „Die Stadt Gottes, das himmlische Jerusalem, wird nicht mit den Wassern eines irdischen Flusses gewaschen: es ist der Heilige Geist, von dessen Ausgießung wir nur kosten, Der, aus dem Quell des Lebens hervorgehend, in jenen himmlischen Geistern reichlicher zu fließen scheint, ein sprudelnder Strom siebenfältiger himmlischer Tugend.“
Ich antworte darauf, Wir können von den Gaben auf zwei Arten sprechen: erstens hinsichtlich ihres Wesens; und so werden sie am vollkommensten im Himmel sein, wie aus der eben zitierten Passage von Ambrosius entnommen werden kann. Der Grund dafür ist, dass die Gaben des Heiligen Geistes den menschlichen Geist für die Bewegung des Heiligen Geistes empfänglich machen: was besonders im Himmel verwirklicht sein wird, wo Gott „alles in allem“ sein wird (1 Kor 15,28) und der Mensch Ihm gänzlich unterworfen ist. Zweitens können sie hinsichtlich der Materie betrachtet werden, um die sich ihre Operationen drehen: und so haben sie im gegenwärtigen Leben eine Operation über eine Materie, in Bezug auf die sie im Zustand der Herrlichkeit keine Operation haben werden. Auf diese Weise betrachtet, werden sie nicht im Zustand der Herrlichkeit bleiben; so wie wir es in Bezug auf die Kardinaltugenden festgestellt haben (Frage 67, Artikel 1).
Antwort auf Einwand 1: Gregor spricht dort von den Gaben, insofern sie mit dem gegenwärtigen Zustand vereinbar sind: denn so gewähren sie uns Schutz gegen böse Versuchungen. Aber im Zustand der Herrlichkeit, wo alles Böse aufgehört haben wird, werden wir durch die Gaben des Heiligen Geistes im Guten vervollkommnet sein.
Antwort auf Einwand 2: Gregor schließt in fast jeder Gabe etwas ein, das mit dem gegenwärtigen Zustand vergeht, und etwas, das im zukünftigen Zustand bleibt. Denn er sagt, dass „Weisheit den Geist mit der Hoffnung und Gewissheit ewiger Dinge stärkt“; von diesen beiden vergeht die Hoffnung, und die Gewissheit bleibt. Vom Verstand sagt er, „dass er die gehörten Wahrheiten durchdringt, das Herz erquickt und seine Finsternis erleuchtet“, wovon das Hören vergeht, da „sie nicht mehr lehren werden ein jeder ... seinen Bruder“ (Jer 31,3.4); aber die Erleuchtung des Geistes bleibt. Vom Rat sagt er, dass er „uns daran hindert, ungestüm zu sein“, was im gegenwärtigen Leben notwendig ist; und auch, dass „er den Geist voll Vernunft macht“, was auch im zukünftigen Zustand notwendig ist. Von der Stärke sagt er, dass sie „Widrigkeiten nicht fürchtet“, was im gegenwärtigen Leben notwendig ist; und ferner, dass sie „uns die Speisen der Zuversicht vorsetzt“, was auch im zukünftigen Leben bleibt. In Bezug auf die Wissenschaft erwähnt er nur eine Sache, nämlich dass „sie die Leere der Unwissenheit überwindet“, was sich auf den gegenwärtigen Zustand bezieht. Wenn er jedoch hinzufügt „im Schoß des Geistes“, kann sich dies bildlich auf die Fülle des Wissens beziehen, die zum zukünftigen Zustand gehört. Von der Frömmigkeit sagt er, dass „sie das innerste Herz mit Werken der Barmherzigkeit erfüllt“. Diese Worte beziehen sich wörtlich genommen nur auf den gegenwärtigen Zustand: doch die innere Achtung für unseren Nächsten, bezeichnet durch „das innerste Herz“, gehört auch zum zukünftigen Zustand, wenn die Frömmigkeit nicht Werke der Barmherzigkeit, sondern Gemeinschaft der Freude vollbringen wird. Von der Furcht sagt er, dass „sie den Geist bedrückt, damit er sich nicht auf gegenwärtige Dinge etwas einbilde“, was sich auf den gegenwärtigen Zustand bezieht, und dass „sie ihn mit der Speise der Hoffnung auf die Zukunft stärkt“, was ebenfalls zum gegenwärtigen Zustand gehört, was die Hoffnung betrifft, sich aber auch auf den zukünftigen Zustand beziehen kann, was das „Gestärktwerden“ für Dinge betrifft, die wir hier hoffen und dort erlangen.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument betrachtet die Gaben hinsichtlich ihrer Materie. Denn die Materie der Gaben werden nicht die Werke des aktiven Lebens sein; sondern alle Gaben werden ihre jeweiligen Akte über Dinge haben, die zum kontemplativen Leben gehören, welches das Leben der himmlischen Seligkeit ist.