I-II, q. 68 a. 7
Ob die Gaben von Isaias in der Reihenfolge ihrer Würde aufgezählt werden?
Quaestio 68 · Von den Gaben
Einwand 1: Es scheint, dass die Gaben von Isaias nicht in der Reihenfolge ihrer Würde aufgezählt werden. Denn die vornehmste Gabe ist scheinbar jene, die Gott mehr als die anderen vom Menschen verlangt. Nun verlangt Gott vom Menschen Furcht mehr als die anderen Gaben: denn es steht geschrieben (Dtn 10,12): „Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir, als dass du den Herrn, deinen Gott, fürchtest?“ und (Mal 1,6): „Wenn ... ich ein Herr bin, wo ist meine Furcht?“ Daher scheint es, dass die Furcht, die zuletzt genannt wird, nicht die niedrigste, sondern die größte der Gaben ist.
Einwand 2: Ferner scheint Frömmigkeit eine Art Gemeingut zu sein; da der Apostel sagt (1 Tim 4,8): „Die Frömmigkeit ist zu allen Dingen nützlich.“ Nun ist ein Gemeingut den besonderen Gütern vorzuziehen. Also scheint die Frömmigkeit, der der vorletzte Platz gegeben wird, die vorzüglichste Gabe zu sein.
Einwand 3: Ferner vervollkommnet Wissenschaft das Urteil des Menschen, während Rat zur Untersuchung gehört. Aber das Urteil ist vorzüglicher als die Untersuchung. Also ist Wissenschaft eine vorzüglichere Gabe als Rat; und doch wird sie als unter ihm stehend aufgeführt.
Einwand 4: Ferner gehört Stärke zum Begehrungsvermögen, während Wissenschaft zur Vernunft gehört. Aber die Vernunft ist ein vorzüglicheres Vermögen als das Begehren. Also ist Wissenschaft eine vorzüglichere Gabe als Stärke; und doch wird letzterer der Vorrang gegeben. Also werden die Gaben nicht in der Reihenfolge ihrer Würde aufgezählt.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt [*De Serm. Dom. in Monte i, 4]: „Es scheint mir, dass die siebenfältige Wirkung des Heiligen Geistes, von der Isaias spricht, in Graden und Ausdruck mit diesen [von denen wir in Mt 5,3 lesen] übereinstimmt: aber es gibt einen Unterschied in der Reihenfolge, denn dort [nämlich bei Isaias] beginnt die Aufzählung mit den vorzüglicheren Gaben, hier mit den niedrigeren Gaben.“
Ich antworte darauf, Die Vorzüglichkeit der Gaben kann auf zwei Arten bemessen werden: erstens schlechthin, nämlich durch Vergleich mit ihren eigentlichen Akten, wie sie aus ihren Prinzipien hervorgehen; zweitens relativ, nämlich durch Vergleich mit ihrer Materie. Wenn wir die Vorzüglichkeit der Gaben schlechthin betrachten, folgen sie derselben Regel wie die Tugenden hinsichtlich ihres Vergleichs untereinander; weil die Gaben den Menschen für alle Akte der Seelenkräfte vervollkommnen, so wie es die Tugenden tun, wie oben dargelegt (Artikel 4). Daher, wie die intellektuellen Tugenden den Vorrang vor den moralischen Tugenden haben, und unter den intellektuellen Tugenden die kontemplativen den aktiven vorzuziehen sind, nämlich Weisheit, Verstand und Wissenschaft der Klugheit und Kunst (doch so, dass Weisheit vor Verstand steht, und Verstand vor Wissenschaft, und Klugheit und Wohlberatenheit vor dem Rat): so sind auch unter den Gaben Weisheit, Verstand, Wissenschaft und Rat vorzüglicher als Frömmigkeit, Stärke und Furcht; und unter den letzteren übertrifft Frömmigkeit die Stärke, und Stärke die Furcht, so wie Gerechtigkeit die Stärke übertrifft, und Stärke die Mäßigung. Aber in Bezug auf ihre Materie gehen Stärke und Rat der Wissenschaft und Frömmigkeit voraus: weil Stärke und Rat sich mit schwierigen Angelegenheiten befassen, wohingegen Frömmigkeit und Wissenschaft gewöhnliche Angelegenheiten betreffen. Folglich entspricht die Vorzüglichkeit der Gaben der Ordnung, in der sie aufgezählt werden; aber insofern Weisheit und Verstand der Vorzug vor den anderen gegeben wird, wird ihre Vorzüglichkeit schlechthin betrachtet, während, insofern Rat und Stärke der Wissenschaft und Frömmigkeit vorgezogen werden, sie im Hinblick auf ihre Materie betrachtet wird.
Antwort auf Einwand 1: Furcht wird hauptsächlich gefordert als sozusagen das Fundament der Vollkommenheit der anderen Gaben, denn „die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“ (Ps 110,10; Sir 1,16), und nicht als ob sie vorzüglicher wäre als die anderen. Weil der Mensch in der Ordnung der Entstehung wegen der Furcht vom Bösen weicht (Spr 16,6), bevor er gute Werke tut, welche aus den anderen Gaben resultieren.
Antwort auf Einwand 2: In den vom Apostel zitierten Worten wird Frömmigkeit nicht mit allen Gaben Gottes verglichen, sondern nur mit der „leiblichen Übung“, von der er gesagt hatte, sie sei „zu wenigem nützlich“.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl Wissenschaft aufgrund ihres Urteils vor dem Rat steht, ist der Rat doch aufgrund seiner Materie vorzüglicher: denn der Rat befasst sich nur mit Angelegenheiten von Schwierigkeit (Ethic. iii, 3), wohingegen das Urteil der Wissenschaft alle Angelegenheiten umfasst.
Antwort auf Einwand 4: Die leitenden Gaben, die zur Vernunft gehören, sind vorzüglicher als die ausführenden Gaben, wenn wir sie in Bezug auf ihre Akte betrachten, wie sie aus ihren Kräften hervorgehen, weil die Vernunft das Begehren übersteigt wie eine Regel das Geregelte übersteigt. Aber auf Seiten der Materie ist der Rat mit der Stärke vereint wie die leitende Kraft mit der ausführenden, und so ist die Wissenschaft mit der Frömmigkeit vereint: weil Rat und Stärke sich mit Angelegenheiten von Schwierigkeit befassen, während Wissenschaft und Frömmigkeit sich mit gewöhnlichen Angelegenheiten befassen. Daher wird Rat zusammen mit Stärke aufgrund ihrer Materie der Vorzug vor Wissenschaft und Frömmigkeit gegeben.