I-II, q. 68 a. 2
Ob die Gaben dem Menschen zum Heile notwendig sind?
Quaestio 68 · Von den Gaben
Einwand 1: Es scheint, dass die Gaben dem Menschen nicht zum Heile notwendig sind. Denn die Gaben sind auf eine Vollkommenheit hingeordnet, die die gewöhnliche Vollkommenheit der Tugend übertrifft. Nun ist es für das Heil des Menschen nicht notwendig, dass er eine Vollkommenheit erreicht, die das gewöhnliche Maß der Tugend übertrifft; denn eine solche Vollkommenheit fällt nicht unter das Gebot, sondern unter einen Rat. Also sind die Gaben dem Menschen nicht zum Heile notwendig.
Einwand 2: Ferner genügt es für das Heil des Menschen, dass er sich in Dingen, die Gott betreffen, und in Dingen, die den Menschen betreffen, gut verhält. Nun wird das Verhalten des Menschen zu Gott hinreichend durch die theologischen Tugenden gelenkt; und sein Verhalten gegenüber den Menschen durch die moralischen Tugenden. Also sind Gaben dem Menschen nicht zum Heile notwendig.
Einwand 3: Ferner sagt Gregor (Moral. ii, 26), dass „der Heilige Geist Weisheit gegen Torheit gibt, Verstand gegen Stumpfheit, Rat gegen Übereilung, Stärke gegen Furcht, Wissenschaft gegen Unwissenheit, Frömmigkeit gegen die Härte unseres Herzens und Furcht gegen Stolz.“ Aber ein hinreichendes Heilmittel für all diese Dinge ist in den Tugenden zu finden. Also sind die Gaben dem Menschen nicht zum Heile notwendig.
Dagegen spricht, dass von allen Gaben die Weisheit die höchste und die Furcht die niedrigste zu sein scheint. Nun ist jede von diesen zum Heile notwendig: denn von der Weisheit steht geschrieben (Weish 7,28): „Gott liebt niemanden außer dem, der mit der Weisheit wohnt“; und von der Furcht (Sir 1,28): „Wer ohne Furcht ist, kann nicht gerechtfertigt werden.“ Also sind auch die anderen Gaben, die zwischen diesen stehen, zum Heile notwendig.
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Artikel 1), sind die Gaben Vollkommenheiten des Menschen, durch die er disponiert wird, um für die Eingebungen Gottes empfänglich zu sein. Daher besteht in jenen Angelegenheiten, wo die Eingebung der Vernunft nicht ausreicht und die Eingebung des Heiligen Geistes notwendig ist, folglich die Notwendigkeit einer Gabe.
Nun wird die Vernunft des Menschen von Gott auf zwei Arten vervollkommnet: erstens mit ihrer natürlichen Vollkommenheit, nämlich dem natürlichen Licht der Vernunft; zweitens mit einer übernatürlichen Vollkommenheit, nämlich den theologischen Tugenden, wie oben dargelegt (Frage 62, Artikel 1). Und obwohl diese letztere Vollkommenheit größer ist als die erstere, so besitzt der Mensch doch die erstere auf vollkommenere Weise als die letztere: weil der Mensch die erstere in seinem vollen Besitz hat, während er die letztere unvollkommen besitzt, da wir Gott unvollkommen lieben und erkennen. Nun ist es offensichtlich, dass alles, was eine Natur oder eine Form oder eine Kraft vollkommen hat, aus sich selbst heraus gemäß diesen wirken kann: jedoch nicht unter Ausschluss des Wirkens Gottes, Der in jeder Natur und in jedem Willen innerlich wirkt. Andererseits kann das, was eine Natur oder Form oder Kraft unvollkommen hat, nicht aus sich selbst heraus wirken, es sei denn, es werde von einem anderen bewegt. So kann die Sonne, die das Licht vollkommen besitzt, von selbst leuchten; während der Mond, der die Natur des Lichts unvollkommen hat, nur ein geliehenes Licht verbreitet. Wiederum kann ein Arzt, der die Heilkunst vollkommen beherrscht, selbstständig arbeiten; aber sein Schüler, der noch nicht vollständig unterwiesen ist, kann nicht selbstständig arbeiten, sondern muss Anweisungen von ihm erhalten.
Dementsprechend kann der Mensch in Angelegenheiten, die der menschlichen Vernunft unterliegen und auf das dem Menschen konnaturale Ziel gerichtet sind, durch das Urteil seiner Vernunft wirken. Wenn der Mensch jedoch auch in diesen Dingen Hilfe in Form besonderer Eingebungen von Gott erhält, so geschieht dies aus Gottes überfließender Güte: daher hatte nach den Philosophen nicht jeder, der die erworbenen moralischen Tugenden besaß, auch die heroischen oder göttlichen Tugenden. Aber in Angelegenheiten, die auf das übernatürliche Ziel gerichtet sind, zu dem die Vernunft des Menschen ihn bewegt, insofern sie in gewisser Weise und unvollkommen durch die theologischen Tugenden geformt ist, genügt die Bewegung der Vernunft nicht, wenn sie nicht zusätzlich die Eingebung oder Bewegung des Heiligen Geistes empfängt, gemäß Röm 8,14.17: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder ... sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben“: und Ps 142,10: „Dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn“, weil nämlich niemand das Erbe jenes Landes der Seligen empfangen kann, außer er werde vom Heiligen Geist dorthin bewegt und geführt. Daher ist es zur Erreichung dieses Ziels notwendig, dass der Mensch die Gabe des Heiligen Geistes hat.
Antwort auf Einwand 1: Die Gaben übertreffen die gewöhnliche Vollkommenheit der Tugenden nicht hinsichtlich der Art der Werke (wie die Räte die Gebote übertreffen), sondern hinsichtlich der Art und Weise des Wirkens, insofern der Mensch von einem höheren Prinzip bewegt wird.
Antwort auf Einwand 2: Durch die theologischen und moralischen Tugenden ist der Mensch in Bezug auf sein letztes Ziel nicht so vervollkommnet, dass er nicht in ständiger Notwendigkeit stünde, von den noch höheren Eingebungen des Heiligen Geistes bewegt zu werden, aus dem bereits genannten Grund.
Antwort auf Einwand 3: Ob wir die menschliche Vernunft in ihrer natürlichen Vollkommenheit betrachten oder als durch die theologischen Tugenden vervollkommnet, sie weiß nicht alle Dinge, noch alle möglichen Dinge. Folglich ist sie unfähig, Torheit und andere ähnliche Dinge, die im Einwand erwähnt werden, zu vermeiden. Gott jedoch, Dessen Wissen und Macht alle Dinge unterworfen sind, bewahrt uns durch Seine Bewegung vor aller Torheit, Unwissenheit, Stumpfheit des Geistes und Härte des Herzens und dem Übrigen. Folglich wird gesagt, dass die Gaben des Heiligen Geistes, die uns für Seine Eingebungen empfänglich machen, als Heilmittel gegen diese Mängel gegeben werden.