I-II, q. 6 a. 1
Ob am menschlichen Handeln etwas freiwillig ist?
Quaestio 6 · Vom Freiwilligen und Unfreiwilligen
Einwand 1: Es scheint, dass am menschlichen Handeln nichts freiwillig ist. Denn freiwillig ist das, „dessen Prinzip in ihm selbst liegt“, wie Gregor von Nyssa [*Nemesius, De Natura Hom. xxxii.], Damascenus (De Fide Orth. ii, 24) und Aristoteles (Ethic. iii, 1) erklären. Das Prinzip der menschlichen Handlungen liegt aber nicht im Menschen selbst, sondern außerhalb seiner: da das menschliche Strebevermögen zum Handeln bewegt wird durch das begehrenswerte Objekt, das außerhalb seiner ist, und das wie ein „unbewegter Beweger“ ist (De Anima iii, 10). Also ist am menschlichen Handeln nichts freiwillig.
Einwand 2: Ferner beweist der Philosoph (Phys. viii, 2), dass bei Tieren keine neue Bewegung entsteht, der nicht eine Bewegung von außen vorausgeht. Alle menschlichen Handlungen aber sind neu, da keine ewig ist. Folglich ist das Prinzip aller menschlichen Handlungen von außen: und daher ist nichts an ihnen freiwillig.
Einwand 3: Ferner kann derjenige, der freiwillig handelt, aus sich selbst heraus handeln. Dies trifft aber auf den Menschen nicht zu; denn es steht geschrieben (Joh 15,5): „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Also ist am menschlichen Handeln nichts freiwillig.
Dagegen spricht, dass Damascenus sagt (De Fide Orth. ii), das Freiwillige sei „eine Handlung, die in einer vernunftgemäßen Tätigkeit besteht“. Solcher Art aber sind menschliche Handlungen. Also ist am menschlichen Handeln etwas freiwillig.
Ich antworte darauf, Es muss notwendigerweise etwas Freiwilliges in den menschlichen Handlungen geben. Um dies deutlich zu machen, müssen wir beachten, dass das Prinzip einiger Handlungen oder Bewegungen im Handelnden oder Bewegten liegt, während das Prinzip einiger Bewegungen oder Handlungen außerhalb liegt. Wenn nämlich ein Stein nach oben bewegt wird, liegt das Prinzip dieser Bewegung außerhalb des Steins; wenn er aber nach unten bewegt wird, liegt das Prinzip dieser Bewegung im Stein. Von jenen Dingen nun, die durch ein inneres Prinzip bewegt werden, bewegen einige sich selbst, andere nicht. Da nämlich jedes Agens oder bewegte Ding um eines Zieles willen handelt oder bewegt wird, wie oben dargelegt (Frage [1], Artikel [2]), werden jene vollkommen durch ein inneres Prinzip bewegt, deren inneres Prinzip nicht nur eines der Bewegung, sondern der Bewegung auf ein Ziel hin ist. Damit aber etwas um eines Zieles willen getan wird, ist eine gewisse Kenntnis des Ziels notwendig. Was auch immer also so durch ein inneres Prinzip handelt oder bewegt wird, dass es eine Kenntnis des Ziels hat, das hat das Prinzip seines Handelns in sich selbst, so dass es nicht nur handelt, sondern um eines Zieles willen handelt. Wenn hingegen ein Ding keine Kenntnis des Ziels hat, auch wenn es ein inneres Prinzip des Handelns oder der Bewegung besitzt, so liegt dennoch das Prinzip des Handelns oder Bewegtwerdens um eines Zieles willen nicht in diesem Ding, sondern in etwas anderem, durch welches das Prinzip seines Handelns auf ein Ziel hin ihm eingeprägt ist. Daher sagt man von solchen Dingen nicht, dass sie sich selbst bewegen, sondern dass sie von anderen bewegt werden. Jene Dinge aber, die eine Kenntnis des Ziels haben, werden als sich selbst bewegend bezeichnet, weil in ihnen ein Prinzip liegt, durch das sie nicht nur handeln, sondern auch um eines Zieles willen handeln. Und folglich, da beides aus einem inneren Prinzip stammt, nämlich dass sie handeln und dass sie um eines Zieles willen handeln, werden die Bewegungen solcher Dinge als freiwillig bezeichnet: denn das Wort „freiwillig“ impliziert, dass ihre Bewegungen und Handlungen aus ihrer eigenen Neigung stammen. Daher kommt es, dass gemäß den Definitionen von Aristoteles, Gregor von Nyssa und Damascenus [*Siehe Einwand 1] das Freiwillige nicht nur dadurch definiert wird, dass es „ein Prinzip im Inneren“ des Handelnden hat, sondern auch dadurch, dass es „Erkenntnis“ impliziert. Da also der Mensch in besonderer Weise das Ziel seines Werkes kennt und sich selbst bewegt, ist in seinen Handlungen in besonderer Weise das Freiwillige zu finden.
Antwort auf Einwand 1: Nicht jedes Prinzip ist ein erstes Prinzip. Obwohl es also zum Wesen der freiwilligen Handlung gehört, dass ihr Prinzip im Handelnden liegt, steht es dennoch nicht im Widerspruch zur Natur der freiwilligen Handlung, dass dieses innere Prinzip durch ein äußeres Prinzip verursacht oder bewegt wird: weil es nicht zum Wesen der freiwilligen Handlung gehört, dass ihr inneres Prinzip ein erstes Prinzip ist. Dennoch muss beachtet werden, dass ein Bewegungsprinzip zwar das erste in einer Gattung sein kann, aber nicht das erste schlechthin: so ist in der Gattung der veränderlichen Dinge das erste Prinzip der Veränderung ein Himmelskörper, der dennoch nicht der erste Beweger schlechthin ist, sondern örtlich von einem höheren Beweger bewegt wird. Und so ist das innere Prinzip der freiwilligen Handlung, d.h. die erkennende und strebende Kraft, das erste Prinzip in der Gattung der Strebebewegung, obwohl es durch ein äußeres Prinzip gemäß anderen Arten der Bewegung bewegt wird.
Antwort auf Einwand 2: Neuen Bewegungen bei Tieren geht in der Tat eine Bewegung von außen voraus; und dies in zweifacher Hinsicht. Erstens, insofern durch eine äußere Bewegung die Sinne eines Tieres mit etwas Sinnfälligem konfrontiert werden, welches, sobald es wahrgenommen wird, das Strebevermögen bewegt. So beginnt ein Löwe, wenn er einen Hirsch in Bewegung sieht, der auf ihn zukommt, sich auf den Hirsch zuzubewegen. Zweitens, insofern eine äußere Bewegung eine physische Veränderung im Körper eines Tieres hervorruft, wie im Falle von Kälte oder Hitze; und dadurch, dass der Körper durch die Bewegung eines äußeren Körpers beeinflusst wird, wird auch das sinnliche Strebevermögen, das die Kraft eines körperlichen Organs ist, indirekt bewegt; so geschieht es, dass durch eine Veränderung im Körper das Strebevermögen zum Begehren von etwas angeregt wird. Dies steht aber nicht im Widerspruch zur Natur der Freiwilligkeit, wie oben dargelegt (ad 1), denn solche Bewegungen, die durch ein äußeres Prinzip verursacht werden, gehören zu einer anderen Gattung der Bewegung.
Antwort auf Einwand 3: Gott bewegt den Menschen zum Handeln, nicht nur indem er das Begehrenswerte den Sinnen vorstellt oder indem er eine Veränderung in seinem Körper bewirkt, sondern auch indem er den Willen selbst bewegt; weil jede Bewegung, sei es des Willens oder der Natur, von Gott als dem Ersten Beweger ausgeht. Und so wie es nicht unvereinbar mit der Natur ist, dass die natürliche Bewegung von Gott als dem Ersten Beweger stammt, insofern die Natur ein Werkzeug Gottes ist, der sie bewegt: so steht es nicht im Widerspruch zum Wesen einer freiwilligen Handlung, dass sie von Gott ausgeht, insofern der Wille von Gott bewegt wird. Dennoch haben sowohl natürliche als auch freiwillige Bewegungen dies gemeinsam, dass es wesentlich ist, dass sie aus einem Prinzip innerhalb des Handelnden hervorgehen.