I-II, q. 5 a. 7
Ob irgendwelche guten Werke notwendig sind, damit der Mensch die Glückseligkeit von Gott empfängt?
Quaestio 5 · Von der Erlangung der Glückseligkeit
Einwand 1: Es scheint, dass keine Werke des Menschen notwendig sind, damit er die Glückseligkeit von Gott erlange. Denn da Gott ein Agens von unendlicher Macht ist, bedarf Er vor dem Handeln weder der Materie noch der Disposition der Materie, sondern kann sogleich die ganze Wirkung hervorbringen. Aber die Werke des Menschen, da sie für die Glückseligkeit nicht als deren Wirkursache erforderlich sind, wie oben dargelegt (Artikel [6]), können nur als Dispositionen dazu erforderlich sein. Deshalb verleiht Gott, der keine Dispositionen vor dem Handeln benötigt, die Glückseligkeit ohne irgendwelche vorhergehenden Werke.
Einwand 2: Ferner, so wie Gott die unmittelbare Ursache der Glückseligkeit ist, so ist Er die unmittelbare Ursache der Natur. Aber als Gott zuerst die Natur begründete, brachte Er die Geschöpfe ohne irgendeine vorhergehende Disposition oder Handlung seitens des Geschöpfes hervor, sondern machte ein jedes sogleich vollkommen in seiner Spezies. Deshalb scheint es, dass Er dem Menschen die Glückseligkeit ohne irgendwelche vorhergehenden Werke verleiht.
Einwand 3: Ferner sagt der Apostel (Röm 4,6), dass die Glückseligkeit des Menschen ist, „dem Gott Gerechtigkeit ohne Werke anrechnet.“ Deshalb sind keine Werke des Menschen zur Erlangung der Glückseligkeit notwendig.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Joh 13,17): „Wenn ihr dies wisst, werdet ihr selig sein, wenn ihr es tut.“ Deshalb wird die Glückseligkeit durch Werke erlangt.
Ich antworte darauf, dass die Rechtschaffenheit des Willens, wie oben dargelegt (Frage [4], Artikel [4]), für die Glückseligkeit notwendig ist; da sie nichts anderes ist als die rechte Ordnung des Willens auf das letzte Ziel; und sie ist daher notwendig für die Erlangung des Ziels, so wie die rechte Disposition der Materie, um die Form zu empfangen. Aber dies beweist nicht, dass irgendein Werk des Menschen seiner Glückseligkeit vorausgehen muss: denn Gott könnte einen Willen machen, der eine rechte Tendenz zum Ziel hat und zugleich das Ziel erreicht; so wie Er manchmal die Materie disponiert und zugleich die Form einführt. Aber die Ordnung der göttlichen Weisheit verlangt, dass es nicht so sei; denn wie in De Coel. ii, 12 dargelegt wird, „von jenen Dingen, die eine natürliche Kapazität für das vollkommene Gut haben, hat eines es ohne Bewegung, manche durch eine Bewegung, manche durch mehrere.“ Nun gehört es zu dem, was es von Natur aus hat, das vollkommene Gut ohne Bewegung zu besitzen: und die Glückseligkeit von Natur aus zu haben, kommt Gott allein zu. Deshalb kommt es Gott allein zu, nicht durch irgendeine vorhergehende Tätigkeit zur Glückseligkeit bewegt zu werden. Da nun die Glückseligkeit jede geschaffene Natur übersteigt, kann kein reines Geschöpf die Glückseligkeit geziemend gewinnen ohne die Bewegung der Tätigkeit, wodurch es dazu tendiert. Aber der Engel, der in der natürlichen Ordnung über dem Menschen steht, erlangte sie, gemäß der Ordnung der göttlichen Weisheit, durch eine Bewegung eines verdienstlichen Werkes, wie in der FP, Frage [62], Artikel [5] erklärt wurde; wohingegen der Mensch sie durch viele Bewegungen von Werken erlangt, die Verdienste genannt werden. Weshalb auch gemäß dem Philosophen (Ethic. i, 9) die Glückseligkeit der Lohn der Werke der Tugend ist.
Antwort auf Einwand 1: Werke sind für den Menschen notwendig, um die Glückseligkeit zu gewinnen; nicht wegen der Unzulänglichkeit der göttlichen Macht, die die Glückseligkeit verleiht, sondern damit die Ordnung in den Dingen gewahrt bleibe.
Antwort auf Einwand 2: Gott brachte die ersten Geschöpfe so hervor, dass sie sogleich vollkommen sind, ohne irgendeine vorhergehende Disposition oder Tätigkeit des Geschöpfes; weil Er die ersten Individuen der verschiedenen Spezies einsetzte, damit durch sie die Natur auf ihre Nachkommenschaft fortgepflanzt werde. In gleicher Weise, weil die Glückseligkeit anderen durch Christus verliehen werden sollte, der Gott und Mensch ist, „Der“, gemäß Hebr 2,10, „viele Kinder zur Herrlichkeit geführt hatte“; deshalb war Seine Seele vom ersten Augenblick Seiner Empfängnis an glückselig, ohne irgendeine vorhergehende verdienstliche Tätigkeit. Aber dies ist Ihm eigentümlich: denn Christi Verdienst nützt den getauften Kindern zur Gewinnung der Glückseligkeit, obwohl sie keine eigenen Verdienste haben; weil sie durch die Taufe zu Gliedern Christi gemacht werden.
Antwort auf Einwand 3: Der Apostel spricht von der Glückseligkeit der Hoffnung, die uns durch die heiligmachende Gnade verliehen wird, welche nicht aufgrund vorhergehender Werke gegeben wird. Denn die Gnade ist kein Endpunkt der Bewegung, wie die Glückseligkeit es ist; vielmehr ist sie das Prinzip der Bewegung, die zur Glückseligkeit tendiert.