I-II, q. 5 a. 1
Ob der Mensch die Glückseligkeit erlangen kann?
Quaestio 5 · Von der Erlangung der Glückseligkeit
Einwand 1: Es scheint, dass der Mensch die Glückseligkeit nicht erlangen kann. Denn wie das Vernünftige über der sinnlichen Natur steht, so steht das Intellektuelle über dem Vernünftigen, wie Dionysius an mehreren Stellen erklärt (Div. Nom. iv, vi, vii). Aber vernunftlose Tiere, die nur die sinnliche Natur besitzen, können das Ziel der vernünftigen Natur nicht erreichen. Deshalb kann auch der Mensch, der von vernünftiger Natur ist, nicht das Ziel der intellektuellen Natur erreichen, welches die Glückseligkeit ist.
Einwand 2: Ferner besteht die wahre Glückseligkeit im Schauen Gottes, Der die reine Wahrheit ist. Aber seiner Natur nach betrachtet der Mensch die Wahrheit in materiellen Dingen: weshalb er „die intelligiblen Spezies im Phantasma erkennt“ (De Anima iii, 7). Deshalb kann er die Glückseligkeit nicht erlangen.
Einwand 3: Ferner besteht die Glückseligkeit in der Erlangung des höchsten Gutes. Aber wir können nicht zur Spitze gelangen, ohne die Mitte zu überwinden. Da also die engelgleiche Natur, durch die der Mensch nicht aufsteigen kann, in der Mitte zwischen Gott und der menschlichen Natur steht, scheint es, dass er die Glückseligkeit nicht erlangen kann.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ps 93,12): „Selig der Mensch, den du unterweist, o Herr.“
Ich antworte darauf, dass die Glückseligkeit die Erlangung des vollkommenen Gutes ist. Wer immer also des vollkommenen Gutes fähig ist, kann die Glückseligkeit erlangen. Dass nun der Mensch des vollkommenen Gutes fähig ist, wird sowohl dadurch bewiesen, dass sein Intellekt das universale und vollkommene Gute erfassen kann, als auch dadurch, dass sein Wille es begehren kann. Und deshalb kann der Mensch die Glückseligkeit erlangen. Dies kann wiederum aus der Tatsache bewiesen werden, dass der Mensch fähig ist, Gott zu schauen, wie in der FP, Frage [12], Artikel [1] dargelegt wurde: in welcher Schau, wie wir oben feststellten (Frage [3], Artikel [8]), die vollkommene Glückseligkeit des Menschen besteht.
Antwort auf Einwand 1: Das Vernünftige übertrifft die sinnliche Natur auf andere Weise, als das Intellektuelle das Vernünftige übertrifft. Denn das Vernünftige übertrifft die sinnliche Natur hinsichtlich des Objekts ihrer Erkenntnis: da die Sinne keinerlei Erkenntnis des Allgemeinen haben, wohingegen die Vernunft Erkenntnis davon hat. Aber die intellektuelle Natur übertrifft die vernünftige Natur hinsichtlich der Art und Weise, dieselbe intelligible Wahrheit zu erkennen: denn die intellektuelle Natur erfasst sogleich die Wahrheit, welche die vernünftige Natur durch die Untersuchung der Vernunft erreicht, wie in der FP, Frage [58], Artikel [3]; FP, Frage [79], Artikel [8] klargestellt wurde. Deshalb gelangt die Vernunft durch eine Art Bewegung zu dem, was der Intellekt erfasst. Folglich kann die vernünftige Natur die Glückseligkeit erlangen, welche die Vollendung der intellektuellen Natur ist: jedoch anders als die Engel. Denn die Engel erlangten sie sogleich nach dem Beginn ihrer Erschaffung: wohingegen der Mensch sie nach einer gewissen Zeit erlangt. Die sinnliche Natur aber kann dieses Ziel in keiner Weise erreichen.
Antwort auf Einwand 2: Für den Menschen im gegenwärtigen Lebenszustand ist der natürliche Weg, intelligible Wahrheit zu erkennen, mittels der Phantasmen. Aber nach diesem Lebenszustand hat er einen anderen natürlichen Weg, wie in der FP, Frage [84], Artikel [7]; FP, Frage [89], Artikel [1] dargelegt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Der Mensch kann die Engel im Grad der Natur nicht so überwinden, dass er von Natur aus über ihnen stünde. Aber er kann sie durch eine Tätigkeit des Intellekts überwinden, indem er versteht, dass es über den Engeln etwas gibt, das die Menschen glückselig macht; und wenn er dies erlangt hat, wird er vollkommen glückselig sein.