I-II, q. 5 a. 6
Ob der Mensch die Glückseligkeit durch das Einwirken eines höheren Geschöpfes erlangt?
Quaestio 5 · Von der Erlangung der Glückseligkeit
Einwand 1: Es scheint, dass der Mensch durch das Einwirken eines höheren Geschöpfes, nämlich eines Engels, glückselig gemacht werden kann. Denn da wir eine zweifache Ordnung in den Dingen beobachten – eine der Teile des Universums zueinander, die andere des ganzen Universums zu einem Gut, das außerhalb des Universums ist; so ist die erstere Ordnung auf die zweite als auf ihr Ziel hingeordnet (Metaph. xii, 10). So ist die gegenseitige Ordnung der Teile einer Armee abhängig von der Ordnung der ganzen Armee zum Feldherrn. Aber die gegenseitige Ordnung der Teile des Universums besteht darin, dass die höheren Geschöpfe auf die niedrigeren einwirken, wie in der FP, Frage [109], Artikel [2] dargelegt: während die Glückseligkeit in der Ordnung des Menschen zu einem Gut besteht, das außerhalb des Universums ist, d.h. Gott. Deshalb wird der Mensch glückselig gemacht durch ein höheres Geschöpf, nämlich einen Engel, der auf ihn einwirkt.
Einwand 2: Ferner kann das, was der Möglichkeit nach so ist, in den Akt überführt werden durch das, was der Wirklichkeit nach so ist: so wird das, was potentiell heiß ist, aktuell heiß gemacht durch etwas, das aktuell heiß ist. Aber der Mensch ist potentiell glückselig. Deshalb kann er aktuell glückselig gemacht werden durch einen Engel, der aktuell glückselig ist.
Einwand 3: Ferner besteht die Glückseligkeit in einer Tätigkeit des Intellekts, wie oben dargelegt (Frage [3], Artikel [4]). Aber ein Engel kann den Intellekt des Menschen erleuchten, wie in der FP, Frage [111], Artikel [1] gezeigt wurde. Deshalb kann ein Engel einen Menschen glückselig machen.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ps 83,12): „Der Herr wird Gnade und Herrlichkeit geben.“
Ich antworte darauf, dass, da jedes Geschöpf den Gesetzen der Natur unterworfen ist, allein schon aufgrund der Tatsache, dass seine Kraft und Tätigkeit begrenzt sind: das, was die geschaffene Natur übersteigt, nicht durch die Kraft irgendeines Geschöpfes getan werden kann. Folglich, wenn irgendetwas getan werden muss, das über der Natur ist, wird es von Gott unmittelbar getan; wie etwa die Toten zum Leben zu erwecken, den Blinden das Augenlicht wiederzugeben und dergleichen. Nun wurde oben gezeigt (Artikel [5]), dass die Glückseligkeit ein Gut ist, das die geschaffene Natur übersteigt. Deshalb ist es unmöglich, dass sie durch das Einwirken irgendeines Geschöpfes verliehen wird: sondern von Gott allein wird der Mensch glückselig gemacht, wenn wir von der vollkommenen Glückseligkeit sprechen. Wenn wir jedoch von der unvollkommenen Glückseligkeit sprechen, ist von ihr dasselbe zu sagen wie von der Tugend, in deren Akt sie besteht.
Antwort auf Einwand 1: Es geschieht oft im Falle von aktiven Kräften, die aufeinander hingeordnet sind, dass es der höchsten Kraft zukommt, das letzte Ziel zu erreichen, während die niedrigeren Kräfte zur Erlangung jenes letzten Zieles beitragen, indem sie eine Disposition dazu verursachen: so kommt es der Kunst des Segelns zu, die der Kunst des Schiffbaus befiehlt, ein Schiff für den Zweck zu gebrauchen, für den es gemacht wurde. So wird auch in der Ordnung des Universums dem Menschen zwar von den Engeln bei der Erlangung seines letzten Zieles geholfen, hinsichtlich gewisser vorbereitender Dispositionen dazu: wohingegen er das letzte Ziel selbst durch das Erste Agens erlangt, welches Gott ist.
Antwort auf Einwand 2: Wenn eine Form vollkommen und natürlich in etwas existiert, kann sie das Prinzip der Einwirkung auf etwas anderes sein: zum Beispiel erhitzt ein heißes Ding durch Hitze. Aber wenn eine Form in etwas unvollkommen und nicht natürlich existiert, kann sie nicht das Prinzip sein, wodurch sie etwas anderem mitgeteilt wird: so kann die „Intention“ der Farbe, die in der Pupille ist, ein Ding nicht weiß machen; noch in der Tat kann alles Erleuchtete oder Erhitzte etwas anderem Hitze oder Licht geben; denn wenn sie es könnten, würden Erleuchten und Erhitzen ins Unendliche gehen. Aber das Licht der Herrlichkeit, wodurch Gott gesehen wird, ist in Gott vollkommen und natürlich; wohingegen es in jedem Geschöpf unvollkommen und durch Ähnlichkeit oder Teilhabe ist. Folglich kann kein Geschöpf seine Glückseligkeit einem anderen mitteilen.
Antwort auf Einwand 3: Ein glückseliger Engel erleuchtet den Intellekt eines Menschen oder eines niedrigeren Engels hinsichtlich gewisser Begriffe der göttlichen Werke: aber nicht hinsichtlich der Schau des göttlichen Wesens, wie in der FP, Frage [106], Artikel [1] dargelegt wurde: da, um dies zu sehen, alle unmittelbar von Gott erleuchtet werden.