I-II, q. 5 a. 3
Ob jemand in diesem Leben glückselig sein kann?
Quaestio 5 · Von der Erlangung der Glückseligkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit in diesem Leben erlangt werden kann. Denn es steht geschrieben (Ps 118,1): „Selig sind, die makellos auf dem Wege sind, die im Gesetze des Herrn wandeln.“ Dies aber geschieht in diesem Leben. Deshalb kann man in diesem Leben glückselig sein.
Einwand 2: Ferner zerstört die unvollkommene Teilhabe am höchsten Gut nicht das Wesen der Glückseligkeit, sonst wäre einer nicht glückseliger als ein anderer. Aber Menschen können in diesem Leben am höchsten Gut teilhaben, indem sie Gott erkennen und lieben, wenn auch unvollkommen. Deshalb kann der Mensch in diesem Leben glückselig sein.
Einwand 3: Ferner kann das, was von vielen gesagt wird, nicht gänzlich falsch sein: da das, was in vielen ist, anscheinend von der Natur kommt; und die Natur irrt nicht gänzlich. Nun sagen viele, dass Glückseligkeit in diesem Leben erlangt werden kann, wie aus Ps 143,15 hervorgeht: „Sie haben das Volk glückselig gepriesen, das diese Dinge hat“, nämlich die Güter in diesem Leben. Deshalb kann man in diesem Leben glückselig sein.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ijob 14,1): „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist mit vielen Nöten gesättigt.“ Aber Glückseligkeit schließt Elend aus. Deshalb kann der Mensch in diesem Leben nicht glückselig sein.
Ich antworte darauf, dass eine gewisse Teilhabe an der Glückseligkeit in diesem Leben möglich ist: aber vollkommene und wahre Glückseligkeit kann in diesem Leben nicht erlangt werden. Dies lässt sich aus einer zweifachen Betrachtung ersehen.
Erstens aus dem allgemeinen Begriff der Glückseligkeit. Denn da Glückseligkeit ein „vollkommenes und hinreichendes Gut“ ist, schließt sie jedes Übel aus und erfüllt jedes Begehren. Aber in diesem Leben kann nicht jedes Übel ausgeschlossen werden. Denn dieses gegenwärtige Leben ist vielen unvermeidlichen Übeln unterworfen; der Unwissenheit seitens des Intellekts; der ungeordneten Neigung seitens des Begehrens und vielen Strafen seitens des Körpers; wie Augustinus in De Civ. Dei xix, 4 darlegt. Ebenso kann auch das Begehren nach dem Guten in diesem Leben nicht gesättigt werden. Denn der Mensch begehrt von Natur aus, dass das Gut, das er hat, bleibend sei. Nun vergehen die Güter des gegenwärtigen Lebens; da das Leben selbst vergeht, das wir von Natur aus zu haben begehren und bleibend zu besitzen wünschen, denn der Mensch schreckt von Natur aus vor dem Tod zurück. Weshalb es unmöglich ist, wahre Glückseligkeit in diesem Leben zu haben.
Zweitens aus der Betrachtung der spezifischen Natur der Glückseligkeit, nämlich der Schau des göttlichen Wesens, welche der Mensch in diesem Leben nicht erlangen kann, wie in der FP, Frage [12], Artikel [11] gezeigt wurde. Daher ist es offensichtlich, dass niemand wahre und vollkommene Glückseligkeit in diesem Leben erlangen kann.
Antwort auf Einwand 1: Manche werden in diesem Leben glückselig genannt, entweder aufgrund der Hoffnung auf Erlangung der Glückseligkeit im kommenden Leben, gemäß Röm 8,24: „Wir sind gerettet auf Hoffnung hin“; oder aufgrund einer gewissen Teilhabe an der Glückseligkeit, wegen einer Art von Genuss des höchsten Gutes.
Antwort auf Einwand 2: Die Unvollkommenheit der teilhabenden Glückseligkeit rührt von einer von zwei Ursachen her. Erstens seitens des Objekts der Glückseligkeit, das nicht in Seinem Wesen gesehen wird: und diese Unvollkommenheit zerstört die Natur der wahren Glückseligkeit. Zweitens kann die Unvollkommenheit seitens des Teilhabenden sein, der zwar das Objekt der Glückseligkeit an sich, nämlich Gott, erreicht: jedoch unvollkommen im Vergleich zu der Weise, in der Gott Sich selbst genießt. Diese Unvollkommenheit zerstört nicht die wahre Natur der Glückseligkeit; denn da Glückseligkeit eine Tätigkeit ist, wie oben dargelegt (Frage [3], Artikel [2]), wird die wahre Natur der Glückseligkeit vom Objekt her genommen, welches den Akt spezifiziert, und nicht vom Subjekt her.
Antwort auf Einwand 3: Die Menschen schätzen, dass es eine Art von Glückseligkeit gibt, die in diesem Leben zu haben ist, aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit mit der wahren Glückseligkeit. Und so irren sie in ihrer Einschätzung nicht gänzlich.