I-II, q. 5 a. 4
Ob die einmal erlangte Glückseligkeit verloren gehen kann?
Quaestio 5 · Von der Erlangung der Glückseligkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Glückseligkeit verloren gehen kann. Denn Glückseligkeit ist eine Vollkommenheit. Aber jede Vollkommenheit ist in dem vervollkommneten Ding gemäß der Weise des Letzteren. Da also der Mensch seiner Natur nach veränderlich ist, scheint es, dass die Glückseligkeit vom Menschen in veränderlicher Weise teilgehabt wird. Und folglich scheint es, dass der Mensch die Glückseligkeit verlieren kann.
Einwand 2: Ferner besteht die Glückseligkeit in einem Akt des Intellekts; und der Intellekt ist dem Willen unterworfen. Aber der Wille kann auf Entgegengesetztes gerichtet werden. Deshalb scheint es, dass er von der Tätigkeit ablassen kann, durch die der Mensch glückselig gemacht wird: und so wird der Mensch aufhören, glückselig zu sein.
Einwand 3: Ferner entspricht das Ende dem Anfang. Aber die Glückseligkeit des Menschen hat einen Anfang, da der Mensch nicht immer glückselig war. Deshalb scheint es, dass sie ein Ende hat.
Dagegen spricht, was von den Gerechten geschrieben steht (Mt 25,46), dass „sie in das ewige Leben gehen werden“, welches, wie oben dargelegt (Artikel [2]), die Glückseligkeit der Heiligen ist. Was nun ewig ist, hört nicht auf. Deshalb kann die Glückseligkeit nicht verloren gehen.
Ich antworte darauf, dass, wenn wir von der unvollkommenen Glückseligkeit sprechen, wie sie in diesem Leben gehabt werden kann, sie in diesem Sinne verloren gehen kann. Dies ist klar bei der kontemplativen Glückseligkeit, die entweder durch Vergessenheit verloren geht, zum Beispiel wenn das Wissen durch Krankheit verloren geht; oder wiederum durch gewisse Beschäftigungen, wodurch ein Mensch gänzlich von der Kontemplation abgezogen wird.
Dies ist auch klar bei der aktiven Glückseligkeit: da der Wille des Menschen so geändert werden kann, dass er von der Tugend zum Laster fällt, in dessen Akt jene Glückseligkeit hauptsächlich besteht. Wenn jedoch die Tugend unversehrt bleibt, können äußere Veränderungen eine solche Glückseligkeit zwar stören, insofern sie viele Akte der Tugend behindern; aber sie können sie nicht gänzlich wegnehmen, weil immer noch ein Akt der Tugend verbleibt, wodurch der Mensch diese Prüfungen in lobenswerter Weise erträgt. Und da die Glückseligkeit dieses Lebens verloren gehen kann, ein Umstand, der der Natur der Glückseligkeit entgegenzustehen scheint, deshalb stellte der Philosoph fest (Ethic. i, 10), dass manche in diesem Leben glückselig sind, nicht schlechthin, sondern „als Menschen“, deren Natur dem Wandel unterworfen ist.
Wenn wir aber von jener vollkommenen Glückseligkeit sprechen, die wir nach diesem Leben erwarten, muss beachtet werden, dass Origenes (Peri Archon. ii, 3), dem Irrtum gewisser Platoniker folgend, der Meinung war, dass der Mensch nach der endgültigen Glückseligkeit unglücklich werden kann.
Dies ist jedoch offensichtlich falsch, aus zwei Gründen. Erstens aus dem allgemeinen Begriff der Glückseligkeit. Denn da Glückseligkeit das „vollkommene und hinreichende Gut“ ist, muss sie notwendigerweise das Begehren des Menschen zur Ruhe bringen und jedes Übel ausschließen. Nun begehrt der Mensch von Natur aus, an dem Gut festzuhalten, das er hat, und die Gewissheit seines Besitzes zu haben: andernfalls müsste er notwendigerweise von der Furcht geplagt sein, es zu verlieren, oder von der Trauer des Wissens, dass er es verlieren wird. Deshalb ist es für die wahre Glückseligkeit notwendig, dass der Mensch die gesicherte Meinung hat, das Gut, das er besitzt, niemals zu verlieren. Wenn diese Meinung wahr ist, folgt daraus, dass er die Glückseligkeit niemals verlieren wird: wenn sie aber falsch ist, ist es an sich ein Übel, dass er eine falsche Meinung haben sollte: weil das Falsche das Übel des Intellekts ist, so wie das Wahre sein Gut ist, wie in Ethic. vi, 2 dargelegt. Folglich wird er nicht länger wahrhaft glückselig sein, wenn ein Übel in ihm ist.
Zweitens ist es wiederum offensichtlich, wenn wir die spezifische Natur der Glückseligkeit betrachten. Denn es wurde oben gezeigt (Frage [3], Artikel [8]), dass die vollkommene Glückseligkeit des Menschen in der Schau des göttlichen Wesens besteht. Nun ist es unmöglich für jemanden, der das göttliche Wesen sieht, zu wünschen, Es nicht zu sehen. Weil jedes Gut, das man besitzt und dennoch ohne es zu sein wünscht, entweder unzureichend ist, wobei etwas Hinreichenderes an seiner Statt begehrt wird; oder aber es hat irgendeine Unannehmlichkeit an sich, aufgrund derer es lästig wird. Aber die Schau des göttlichen Wesens erfüllt die Seele mit allen guten Dingen, da sie sie mit der Quelle aller Güte vereint; daher steht geschrieben (Ps 16,15): „Ich werde gesättigt werden, wenn Deine Herrlichkeit erscheint“; und (Weish 7,11): „Alle guten Dinge kamen mir zugleich mit ihr“, d.h. mit der Betrachtung der Weisheit. In gleicher Weise hat sie auch keine Unannehmlichkeit an sich; weil von der Betrachtung der Weisheit geschrieben steht (Weish 8,16): „Ihr Umgang hat keine Bitterkeit, noch ihre Gesellschaft irgendeine Langeweile.“ Es ist somit offensichtlich, dass der glückselige Mensch die Glückseligkeit nicht aus eigenem Antrieb verlassen kann. Überdies kann er die Glückseligkeit auch nicht dadurch verlieren, dass Gott sie ihm wegnimmt. Denn da der Entzug der Glückseligkeit eine Strafe ist, kann er von Gott, dem gerechten Richter, nicht vollzogen werden, außer für irgendeine Schuld; und wer Gott sieht, kann nicht in eine Schuld fallen, da die Rechtschaffenheit des Willens notwendigerweise aus jener Schau resultiert, wie oben gezeigt wurde (Frage [4], Artikel [4]). Noch wiederum kann sie durch irgendein anderes Agens entzogen werden. Weil der Geist, der mit Gott vereint ist, über alle anderen Dinge erhoben ist: und folglich kann kein anderes Agens den Geist von jener Einheit trennen. Deshalb scheint es unvernünftig, dass der Mensch im Laufe der Zeit von der Glückseligkeit ins Elend übergehen sollte und umgekehrt; weil solche Wechselfälle der Zeit nur für solche Dinge sein können, die der Zeit und Bewegung unterworfen sind.
Antwort auf Einwand 1: Glückseligkeit ist vollendete Vollkommenheit, die jeden Mangel von den Glückseligen ausschließt. Und deshalb besitzt jeder, der Glückseligkeit hat, sie gänzlich unveränderlich: dies geschieht durch die göttliche Macht, die den Menschen zur Teilhabe an der Ewigkeit erhebt, welche allen Wandel transzendiert.
Antwort auf Einwand 2: Der Wille kann auf Entgegengesetztes gerichtet werden in Dingen, die auf das Ziel hingeordnet sind; aber er ist von natürlicher Notwendigkeit auf das letzte Ziel hingeordnet. Dies ist offensichtlich aus der Tatsache, dass der Mensch unfähig ist, nicht glückselig sein zu wollen.
Antwort auf Einwand 3: Die Glückseligkeit hat einen Anfang aufgrund der Bedingung des Teilhabenden: aber sie hat kein Ende aufgrund der Bedingung des Gutes, dessen Teilhabe den Menschen glückselig macht. Daher ist der Anfang der Glückseligkeit aus einer Ursache, ihre Endlosigkeit aus einer anderen.