I-II, q. 46 a. 7
Richtet sich der Zorn nur gegen jene, zu denen eine Beziehung der Gerechtigkeit besteht?
Quaestio 46 · Vom Zorn an sich
Einwand 1: Es scheint, dass der Zorn sich nicht nur gegen jene richtet, zu denen eine Beziehung der Gerechtigkeit besteht. Denn es gibt keine Gerechtigkeit zwischen dem Menschen und vernunftlosen Wesen. Und doch ist man manchmal zornig auf vernunftlose Wesen; so wirft ein Schreiber aus Zorn seine Feder weg, oder ein Reiter schlägt sein Pferd. Also richtet sich der Zorn nicht nur gegen jene, zu denen eine Beziehung der Gerechtigkeit besteht.
Einwand 2: Ferner gibt es „keine Gerechtigkeit gegen sich selbst ... noch gibt es Gerechtigkeit gegen das Eigene“ (Ethic. v, 6). Aber manchmal ist ein Mensch zornig auf sich selbst; zum Beispiel ein Büßer wegen seiner Sünde; daher steht geschrieben (Ps 4,5): „Zürnet und sündiget nicht.“ Also richtet sich der Zorn nicht nur gegen jene, mit denen man eine Beziehung der Gerechtigkeit hat.
Einwand 3: Ferner können Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit von einem Menschen gegenüber einer ganzen Klasse oder einer ganzen Gemeinschaft bestehen: zum Beispiel, wenn der Staat einen Einzelnen schädigt. Aber der Zorn richtet sich nicht gegen eine Klasse, sondern nur gegen ein Individuum, wie der Philosoph feststellt (Rhet. ii, 4). Also richtet sich der Zorn eigentlich nicht gegen jene, mit denen man in einer Beziehung der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit steht.
Dagegen spricht, dass das Gegenteil jedoch dem Philosophen entnommen werden kann (Rhet. ii, 2,3).
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [6]), der Zorn das Übel als ein Mittel gerechter Rache begehrt. Folglich richtet sich der Zorn gegen jene, gegen die wir gerecht oder ungerecht sind: da Rache ein Akt der Gerechtigkeit ist und Unrechttun ein Akt der Ungerechtigkeit. Daher ist sowohl von Seiten der Ursache, nämlich des von einem anderen zugefügten Schadens, als auch von Seiten der vom zornigen Menschen gesuchten Rache offensichtlich, dass der Zorn jene betrifft, gegen die man gerecht oder ungerecht ist.
Antwort auf Einwand 1: Wie oben dargelegt (Artikel [4], ad 2), kann der Zorn, obwohl er einem Akt der Vernunft folgt, dennoch in stummen Tieren sein, die der Vernunft ermangeln, insofern sie durch ihren natürlichen Instinkt von ihrer Einbildungskraft zu etwas bewegt werden, das einer rationalen Handlung ähnlich ist. Da nun im Menschen sowohl Vernunft als auch Einbildungskraft vorhanden sind, kann die Bewegung des Zorns im Menschen auf zweifache Weise geweckt werden. Erstens, wenn nur seine Einbildungskraft die Verletzung anzeigt: und auf diese Weise wird der Mensch zu einer Bewegung des Zorns sogar gegen vernunftlose und unbelebte Wesen erregt, welche Bewegung jener ähnlich ist, die bei Tieren gegen alles auftritt, was sie verletzt. Zweitens, indem die Vernunft die Verletzung anzeigt: und so ist es gemäß dem Philosophen (Rhet. ii, 3) „unmöglich, auf unempfindliche Dinge oder auf die Toten zornig zu sein“: sowohl weil sie keinen Schmerz fühlen, was vor allem das ist, was der zornige Mensch bei denen sucht, auf die er zornig ist: als auch weil es keine Frage der Rache an ihnen gibt, da sie uns keinen Schaden zufügen können.
Antwort auf Einwand 2: Wie der Philosoph sagt (Ethic. v, 11), gibt es „metaphorisch gesprochen eine gewisse Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zwischen einem Menschen und sich selbst“, insofern die Vernunft die irasciblen und concupisciblen Teile der Seele regiert. Und in diesem Sinne wird gesagt, dass ein Mensch sich an sich selbst rächt und folglich auf sich selbst zornig ist. Aber eigentlich und gemäß der Natur der Dinge ist ein Mensch niemals zornig auf sich selbst.
Antwort auf Einwand 3: Der Philosoph (Rhet. ii, 4) gibt als einen Unterschied zwischen Hass und Zorn an, dass „Hass gegen eine Klasse empfunden werden kann, wie wir die ganze Klasse der Diebe hassen; wohingegen der Zorn nur gegen ein Individuum gerichtet ist.“ Der Grund ist, dass Hass daraus entsteht, dass wir eine Qualität als nicht übereinstimmend mit unserer Disposition betrachten; und dies kann sich auf ein Ding im Allgemeinen oder im Besonderen beziehen. Zorn hingegen folgt daraus, dass uns jemand durch seine Handlung verletzt hat. Nun sind alle Handlungen Taten von Individuen: und folglich ist der Zorn immer auf ein Individuum gerichtet. Wenn der ganze Staat uns verletzt, wird der ganze Staat als ein Individuum gerechnet [*Vgl. Frage [29], Artikel [6]].