I-II, q. 46 a. 5
Ist der Zorn natürlicher als die Begierde?
Quaestio 46 · Vom Zorn an sich
Einwand 1: Es scheint, dass der Zorn nicht natürlicher ist als die Begierde. Denn es ist dem Menschen eigen, von Natur aus ein sanftes Lebewesen zu sein. Aber „Sanftmut ist dem Zorn entgegengesetzt“, wie der Philosoph feststellt (Rhet. ii, 3). Also ist der Zorn nicht natürlicher als die Begierde, tatsächlich scheint er dem Menschen gänzlich unnatürlich zu sein.
Einwand 2: Ferner wird die Vernunft der Natur gegenübergestellt: da jene Dinge, die gemäß der Vernunft handeln, nicht als gemäß der Natur handelnd bezeichnet werden. Nun „erfordert der Zorn einen Akt der Vernunft, die Begierde aber nicht“, wie in Ethic. vii, 6 dargelegt. Also ist die Begierde natürlicher als der Zorn.
Einwand 3: Ferner ist der Zorn ein Verlangen nach Rache: während die Begierde ein Verlangen nach jenen Dingen ist, die besonders angenehm für den Tastsinn sind, nämlich nach den Freuden des Tisches und nach sexuellen Freuden. Diese Dinge aber sind für den Menschen natürlicher als Rache. Also ist die Begierde natürlicher als der Zorn.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. vii, 6), dass „der Zorn natürlicher ist als die Begierde“.
Ich antworte darauf, dass wir mit „natürlich“ das meinen, was durch die Natur verursacht wird, wie in Phys. ii, 1 dargelegt. Folglich kann die Frage, ob eine bestimmte Leidenschaft mehr oder weniger natürlich ist, nicht ohne Bezug auf die Ursache dieser Leidenschaft entschieden werden. Nun kann die Ursache einer Leidenschaft, wie oben dargelegt (Frage [36], Artikel [2]), auf zweifache Weise betrachtet werden: erstens von Seiten des Objekts; zweitens von Seiten des Subjekts. Wenn wir also die Ursache von Zorn und Begierde von Seiten des Objekts betrachten, so ist die Begierde, besonders nach den Freuden des Tisches und nach sexuellen Freuden, natürlicher als der Zorn; insofern diese Freuden für den Menschen natürlicher sind als Rache.
Wenn wir jedoch die Ursache des Zorns von Seiten des Subjekts betrachten, so ist der Zorn in gewisser Weise natürlicher; und in gewisser Weise ist die Begierde natürlicher. Denn die Natur eines einzelnen Menschen kann entweder hinsichtlich der Gattungsnatur oder hinsichtlich der Artnatur oder wiederum hinsichtlich des besonderen Temperaments des Individuums betrachtet werden. Wenn wir also die Gattungsnatur betrachten, d.h. die Natur dieses Menschen als Lebewesen betrachtet; so ist die Begierde natürlicher als der Zorn; weil der Mensch aus eben dieser Gattungsnatur heraus geneigt ist, jene Dinge zu begehren, die dazu tendieren, in ihm das Leben sowohl der Art als auch des Individuums zu erhalten. Wenn wir jedoch die Artnatur betrachten, d.h. die Natur dieses Menschen als vernunftbegabtes Wesen; dann ist der Zorn für den Menschen natürlicher als die Begierde, insofern der Zorn der Vernunft mehr folgt als die Begierde. Weshalb der Philosoph sagt (Ethic. iv, 5), dass „Rache“, die zum Zorn gehört, „für den Menschen natürlicher ist als Sanftmut“: denn es ist allem natürlich, sich gegen Dinge zu erheben, die entgegengesetzt und schädlich sind. Und wenn wir die Natur des Individuums hinsichtlich seines besonderen Temperaments betrachten, so ist der Zorn natürlicher als die Begierde; aus dem Grund, dass der Zorn eher dazu neigt, aus der natürlichen Neigung zum Zorn zu folgen, als die Begierde oder irgendeine andere Leidenschaft dazu neigt, aus einer natürlichen Neigung zur Begierde zu folgen, welche Neigungen aus dem individuellen Temperament eines Menschen resultieren. Denn die Disposition zum Zorn ist einem galligen Temperament geschuldet; und von allen Säften bewegt sich die Galle am schnellsten; denn sie ist wie Feuer. Folglich wird derjenige, der vom Temperament her zum Zorn disponiert ist, schneller zum Zorn entflammt, als derjenige, der vom Temperament her zur Begierde disponiert ist, zur Begierde entflammt wird: und aus diesem Grund sagt der Philosoph (Ethic. vii, 6), dass eine Disposition zum Zorn eher vom Elternteil auf das Kind übertragen wird als eine Disposition zur Begierde.
Antwort auf Einwand 1: Wir können im Menschen sowohl das natürliche Temperament von Seiten des Körpers als auch die Vernunft betrachten. Von Seiten des körperlichen Temperaments übertrifft ein Mensch, spezifisch betrachtet, andere nicht von Natur aus im Zorn oder in irgendeiner anderen Leidenschaft, aufgrund der Mäßigung seines Temperaments. Aber andere Tiere, insofern ihr Temperament von dieser Mäßigung abweicht und sich einer extremen Disposition nähert, sind von Natur aus zu einem gewissen Exzess der Leidenschaft disponiert, wie der Löwe im Wagemut, der Hund im Zorn, der Hase in der Furcht und so weiter. Von Seiten der Vernunft jedoch ist es dem Menschen natürlich, sowohl zornig als auch sanft zu sein: insofern die Vernunft gewissermaßen den Zorn verursacht, indem sie die Verletzung anzeigt, die den Zorn verursacht; und gewissermaßen den Zorn besänftigt, insofern der zornige Mensch „nicht vollkommen auf den Befehl der Vernunft hört“, wie oben dargelegt (Artikel [4], ad 3).
Antwort auf Einwand 2: Die Vernunft selbst gehört zur Natur des Menschen: weshalb aus der bloßen Tatsache, dass der Zorn einen Akt der Vernunft erfordert, folgt, dass er in gewisser Weise dem Menschen natürlich ist.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument betrachtet Zorn und Begierde von Seiten des Objekts.