I-II, q. 40 a. 6
Ob Hoffnung bei Jünglingen und Betrunkenen überwiegt?
Quaestio 40 · Von den zornartigen Leidenschaften, und zwar zuerst von der Hoffnung und der Verzweiflung
Einwand 1: Es scheint, dass Jugend und Trunkenheit keine Ursachen der Hoffnung sind. Denn Hoffnung impliziert Gewissheit und Beständigkeit; so sehr, dass sie mit einem Anker verglichen wird (Hebr 6,19). Aber Jünglinge und Betrunkene ermangeln der Beständigkeit; da ihr Geist leicht veränderlich ist. Also sind Jugend und Trunkenheit keine Ursachen der Hoffnung.
Einwand 2: Ferner ist, wie oben dargelegt (Artikel [5]), die Ursache der Hoffnung hauptsächlich das, was die eigene Macht vergrößert. Aber Jugend und Trunkenheit sind mit Schwäche verbunden. Also sind sie keine Ursachen der Hoffnung.
Einwand 3: Ferner ist Erfahrung eine Ursache der Hoffnung, wie oben dargelegt (Artikel [5]). Aber der Jugend fehlt die Erfahrung. Also ist sie keine Ursache der Hoffnung.
Dagegen spricht: Der Philosoph sagt (Ethic. iii, 8), dass „betrunkene Menschen hoffnungsvoll sind“: und (Rhet. ii, 12), dass „die Jungen voller Hoffnung sind“.
Ich antworte darauf: Die Jugend ist aus drei Gründen eine Ursache der Hoffnung, wie der Philosoph in Rhet. ii, 12 feststellt: und diese drei Gründe können aus den drei Bedingungen des Gutes entnommen werden, welches das Objekt der Hoffnung ist – nämlich, dass es zukünftig, mühsam und möglich ist, wie oben dargelegt (Artikel [1]). Denn die Jugend hat viel Zukunft vor sich und wenig Vergangenheit: und da das Gedächtnis von der Vergangenheit ist und die Hoffnung von der Zukunft, hat sie wenig zu erinnern und lebt sehr in der Hoffnung. Wiederum sind Jünglinge aufgrund der Hitze ihrer Natur voller Lebensgeist; so dass sich ihr Herz weitet: und aufgrund der Weitung des Herzens tendiert man zu dem, was mühsam ist; weshalb Jünglinge temperamentvoll und hoffnungsvoll sind. Ebenso neigen diejenigen, die keine Niederlage erlitten haben noch Erfahrung mit Hindernissen für ihre Bemühungen hatten, dazu, eine Sache für sich als möglich zu erachten. Weshalb Jünglinge durch Unerfahrenheit mit Hindernissen und ihren eigenen Unzulänglichkeiten leicht eine Sache für möglich halten; und folglich guter Hoffnung sind. Zwei dieser Ursachen sind auch in denen, die betrunken sind – nämlich Hitze und Hochstimmung aufgrund des Weines und Achtlosigkeit gegenüber Gefahren und Unzulänglichkeiten. Aus demselben Grund versuchen alle törichten und gedankenlosen Personen alles und sind voller Hoffnung.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl Jünglingen und Männern im Rausch in Wirklichkeit die Beständigkeit fehlt, sind sie doch in ihrer eigenen Einschätzung beständig, denn sie denken, dass sie das, worauf sie hoffen, beständig erlangen werden.
Gleichermaßen müssen wir in Antwort auf den zweiten Einwand beachten, dass junge Leute und Männer im Rausch zwar in Wirklichkeit unbeständig sind: aber in ihrer eigenen Einschätzung sind sie fähig, denn sie kennen ihre Unzulänglichkeiten nicht.
Antwort auf Einwand 3: Nicht nur Erfahrung, sondern auch Mangel an Erfahrung ist auf gewisse Weise eine Ursache der Hoffnung, wie oben erklärt (Artikel [5], ad 3).