I-II, q. 40 a. 2
Ob die Hoffnung im Erkenntnisvermögen oder im Strebevermögen ist?
Quaestio 40 · Von den zornartigen Leidenschaften, und zwar zuerst von der Hoffnung und der Verzweiflung
Einwand 1: Es scheint, dass die Hoffnung zum Erkenntnisvermögen gehört. Denn die Hoffnung ist anscheinend eine Art Erwartung; denn der Apostel sagt (Röm 8,25): „Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.“ Das Warten aber scheint zum Erkenntnisvermögen zu gehören, welches wir durch „Ausschau halten“ ausüben. Also gehört die Hoffnung zum Erkenntnisvermögen.
Einwand 2: Ferner ist die Hoffnung anscheinend dasselbe wie Zuversicht; daher sagt man, wenn jemand hofft, er sei zuversichtlich, als ob hoffen und zuversichtlich sein dasselbe wären. Aber Zuversicht scheint, wie der Glaube, zum Erkenntnisvermögen zu gehören. Also tut dies auch die Hoffnung.
Einwand 3: Ferner ist Gewissheit eine Eigenschaft des Erkenntnisvermögens. Der Hoffnung wird aber Gewissheit zugeschrieben. Also gehört die Hoffnung zum Erkenntnisvermögen.
Dagegen spricht: Die Hoffnung bezieht sich auf das Gute, wie oben dargelegt (Artikel [1]). Das Gute als solches ist aber nicht Gegenstand des Erkenntnisvermögens, sondern des Strebevermögens. Also gehört die Hoffnung nicht zum Erkenntnisvermögen, sondern zum Strebevermögen.
Ich antworte darauf: Da Hoffnung ein gewisses Ausstrecken des Appetits auf das Gute bezeichnet, gehört sie offensichtlich zum Strebevermögen; denn die Bewegung zu den Dingen hin gehört eigentlich dem Appetit an: wohingegen die Handlung des Erkenntnisvermögens nicht durch die Bewegung des Erkennenden zu den Dingen hin vollzogen wird, sondern vielmehr dadurch, dass die erkannten Dinge im Erkennenden sind. Da aber das Erkenntnisvermögen den Appetit bewegt, indem es ihm sein Objekt vorstellt, entstehen im Appetit verschiedene Bewegungen gemäß den verschiedenen Aspekten des aufgefassten Objekts. Denn die Auffassung des Guten ruft eine Art von Bewegung im Appetit hervor, während die Auffassung des Übels eine andere hervorruft: gleichermaßen entstehen verschiedene Bewegungen aus der Auffassung von etwas Gegenwärtigem und von etwas Zukünftigem; von etwas schlechthin Betrachtetem und von etwas als mühsam Betrachtetem; von etwas Möglichem und von etwas Unmöglichem. Und dementsprechend ist die Hoffnung eine Bewegung des Strebevermögens, die aus der Auffassung eines zukünftigen, schwer, aber möglich zu erlangenden Gutes folgt; nämlich ein Ausstrecken des Appetits nach einem solchen Gut.
Antwort auf Einwand 1: Da die Hoffnung ein mögliches Gut betrachtet, entsteht im Menschen eine zweifache Bewegung der Hoffnung; denn eine Sache kann für ihn auf zwei Arten möglich sein, nämlich durch seine eigene Kraft oder durch die eines anderen. Wenn nun jemand hofft, etwas durch seine eigene Kraft zu erlangen, so sagt man nicht, er erwarte es, sondern er hoffe einfach darauf. Aber eigentlich sagt man, er erwarte [exspectare] das, was er durch die Hilfe eines anderen zu erlangen hofft, als ob erwarten [exspectare] bedeutete, die Augen auf einen anderen gerichtet zu halten [ex alio spectare], insofern das Erkenntnisvermögen, indem es vorauseilt, nicht nur das Gut im Auge behält, das der Mensch zu erlangen beabsichtigt, sondern auch dasjenige, durch dessen Kraft er es zu erlangen hofft; gemäß Sirach 51,10: „Ich blickte auf die Hilfe der Menschen.“ Daher wird die Bewegung der Hoffnung manchmal Erwartung genannt, wegen der vorausgehenden Betrachtung des Erkenntnisvermögens.
Antwort auf Einwand 2: Wenn ein Mensch eine Sache begehrt und rechnet, dass er sie erlangen kann, so glaubt er, dass er sie erlangen kann, er glaubt, dass er sie erlangen wird; und von diesem Glauben, der im Erkenntnisvermögen vorausgeht, wird die folgende Bewegung im Appetit Zuversicht genannt. Denn die Bewegung des Appetits nimmt ihren Namen von der Erkenntnis, die ihr vorausgeht, wie eine Wirkung von einer Ursache, die besser bekannt ist; denn das Erkenntnisvermögen kennt seinen eigenen Akt besser als den des Appetits.
Antwort auf Einwand 3: Gewissheit wird der Bewegung nicht nur des sinnlichen, sondern auch des natürlichen Appetits zugeschrieben; so sagen wir, dass ein Stein gewiss nach unten tendiert. Dies liegt an der Unfehlbarkeit, die die Bewegung des sinnlichen oder sogar natürlichen Appetits aus der Gewissheit der Erkenntnis ableitet, die ihr vorausgeht.