I-II, q. 40 a. 1
Ob die Hoffnung dasselbe ist wie das Begehren oder die Begierde?
Quaestio 40 · Von den zornartigen Leidenschaften, und zwar zuerst von der Hoffnung und der Verzweiflung
Einwand 1: Es scheint, dass die Hoffnung dasselbe ist wie das Begehren oder die Begierde. Denn die Hoffnung wird zu den vier Hauptleidenschaften gerechnet. Augustinus aber setzt, wenn er die vier Hauptleidenschaften festlegt, die Begierde an die Stelle der Hoffnung (De Civ. Dei xiv, 3,7). Also ist die Hoffnung dasselbe wie die Begierde oder das Begehren.
Einwand 2: Ferner unterscheiden sich die Leidenschaften gemäß ihren Objekten. Das Objekt der Hoffnung ist aber dasselbe wie das Objekt der Begierde oder des Begehrens, nämlich das zukünftige Gut. Also ist die Hoffnung dasselbe wie die Begierde oder das Begehren.
Einwand 3: Wenn man sagt, dass die Hoffnung zusätzlich zum Begehren die Möglichkeit der Erlangung des zukünftigen Gutes bezeichnet, so spricht dagegen: Was dem Objekt akzidentell ist, begründet keine andere Art der Leidenschaft. Die Möglichkeit der Erlangung ist aber dem zukünftigen Gut, welches das Objekt der Begierde oder des Begehrens und der Hoffnung ist, akzidentell. Also unterscheidet sich die Hoffnung der Art nach nicht vom Begehren oder der Begierde.
Dagegen spricht: Zu verschiedenen Vermögen gehören verschiedene Arten von Leidenschaften. Die Hoffnung aber ist im Zornvermögen (vis irascibilis); das Begehren oder die Begierde hingegen im Begehrungsvermögen (vis concupiscibilis). Also unterscheidet sich die Hoffnung der Art nach vom Begehren oder der Begierde.
Ich antworte darauf: Die Art einer Leidenschaft wird vom Objekt hergenommen. Nun können wir im Objekt der Hoffnung vier Bedingungen feststellen. Erstens, dass es etwas Gutes ist; denn eigentlich bezieht sich die Hoffnung nur auf das Gute; in dieser Hinsicht unterscheidet sich die Hoffnung von der Furcht, die sich auf das Übel bezieht. Zweitens, dass es zukünftig ist; denn die Hoffnung bezieht sich nicht auf das, was gegenwärtig ist und bereits besessen wird: in dieser Hinsicht unterscheidet sich die Hoffnung von der Freude, die sich auf ein gegenwärtiges Gut bezieht. Drittens, dass es etwas Arduum (Mühsames) und schwer zu Erlangendes sein muss, denn wir sprechen nicht davon, dass jemand auf Kleinigkeiten hofft, die jederzeit in seiner Macht stehen: in dieser Hinsicht unterscheidet sich die Hoffnung vom Begehren oder der Begierde, die das zukünftige Gut schlechthin betrachtet: weshalb jenes zum Begehrungsvermögen gehört, die Hoffnung aber zum Zornvermögen. Viertens, dass dieses schwierige Ding möglich zu erlangen ist: denn man hofft nicht auf das, was man überhaupt nicht erlangen kann: und in dieser Hinsicht unterscheidet sich die Hoffnung von der Verzweiflung. Es ist daher offensichtlich, dass sich die Hoffnung vom Begehren unterscheidet, wie sich die Leidenschaften des Zornvermögens von denen des Begehrungsvermögens unterscheiden. Aus diesem Grund setzt die Hoffnung zudem das Begehren voraus: so wie alle Leidenschaften des Zornvermögens die Leidenschaften des Begehrungsvermögens voraussetzen, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [25], Artikel [1]).
Antwort auf Einwand 1: Augustinus erwähnt die Begierde anstelle der Hoffnung, weil beide das zukünftige Gut betreffen; und weil das Gut, das nicht mühsam ist, als nichts gilt: womit angedeutet wird, dass das Begehren vornehmlich auf das mühsame Gut zu zielen scheint, auf welches die Hoffnung gleichermaßen zielt.
Das Objekt der Hoffnung ist das zukünftige Gut, nicht schlechthin betrachtet, sondern als mühsam und schwer zu erlangen, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 3: Das Objekt der Hoffnung fügt dem Objekt des Begehrens nicht nur die Möglichkeit hinzu, sondern auch die Schwierigkeit: und dies bewirkt, dass die Hoffnung zu einem anderen Vermögen gehört, nämlich dem Zornvermögen, welches das Schwierige betrachtet, wie im ersten Teil (FP, Quaestio [81], Artikel [2]) dargelegt wurde. Überdies sind Möglichkeit und Unmöglichkeit dem Objekt des Strebevermögens nicht gänzlich akzidentell: denn der Appetit ist ein Prinzip der Bewegung; und nichts wird zu etwas hinbewegt, außer unter dem Aspekt, dass es möglich sei; denn niemand wird zu dem hinbewegt, was er für unmöglich zu erlangen hält. Folglich unterscheidet sich die Hoffnung von der Verzweiflung gemäß dem Unterschied von möglich und unmöglich.