I-II, q. 40 a. 5
Ob Erfahrung eine Ursache der Hoffnung ist?
Quaestio 40 · Von den zornartigen Leidenschaften, und zwar zuerst von der Hoffnung und der Verzweiflung
Einwand 1: Es scheint, dass Erfahrung keine Ursache der Hoffnung ist. Denn Erfahrung gehört zum Erkenntnisvermögen; weshalb der Philosoph sagt (Ethic. ii, 1), dass „intellektuelle Tugend Erfahrung und Zeit benötigt“. Aber Hoffnung ist nicht im Erkenntnisvermögen, sondern im Appetit, wie oben dargelegt (Artikel [2]). Also ist Erfahrung keine Ursache der Hoffnung.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Rhet. ii, 13), dass „die Alten aufgrund ihrer Erfahrung langsam im Hoffen sind“; woraus zu folgen scheint, dass Erfahrung einen Mangel an Hoffnung verursacht. Aber dieselbe Ursache bringt nicht Gegensätze hervor. Also ist Erfahrung keine Ursache der Hoffnung.
Einwand 3: Ferner sagt der Philosoph (De Coel. ii, 5), dass „über alles etwas sagen zu wollen, ohne etwas auszulassen, manchmal ein Beweis von Torheit ist“. Aber alles zu versuchen scheint auf große Hoffnungen hinzuweisen; während Torheit aus Unerfahrenheit entsteht. Also scheint eher Unerfahrenheit als Erfahrung eine Ursache der Hoffnung zu sein.
Dagegen spricht: Der Philosoph sagt (Ethic. iii, 8): „Einige sind hoffnungsvoll, weil sie oft und über viele Gegner siegreich waren“: was zur Erfahrung zu gehören scheint. Also ist Erfahrung eine Ursache der Hoffnung.
Ich antworte darauf: Wie oben dargelegt (Artikel [1]), ist das Objekt der Hoffnung ein zukünftiges Gut, schwer, aber möglich zu erlangen. Folglich kann ein Ding eine Ursache der Hoffnung sein, entweder weil es einem Menschen etwas möglich macht: oder weil es ihn denken lässt, etwas sei möglich. Auf die erste Weise wird Hoffnung durch alles verursacht, was die Macht eines Menschen vergrößert; z.B. Reichtum, Stärke und unter anderem Erfahrung: da der Mensch durch Erfahrung die Fähigkeit erwirbt, etwas leicht zu tun, und das Ergebnis davon ist Hoffnung. Weshalb Vegetius sagt (De Re Milit. i): „Niemand fürchtet das zu tun, wovon er sicher ist, es gut gelernt zu haben.“
Auf die zweite Weise wird Hoffnung durch alles verursacht, was den Menschen denken lässt, dass er etwas erlangen kann: und so können sowohl Lehre als auch Überredung eine Ursache der Hoffnung sein. Und dann ist wiederum Erfahrung eine Ursache der Hoffnung, insofern sie ihn etwas für möglich halten lässt, was er vor seiner Erfahrung als unmöglich ansah. Jedoch kann Erfahrung auf diese Weise auch einen Mangel an Hoffnung verursachen: denn so wie sie einen Menschen denken lässt, dass möglich sei, was er zuvor für unmöglich hielt; so lässt Erfahrung umgekehrt einen Menschen das als unmöglich betrachten, was er bisher für möglich hielt. Dementsprechend verursacht Erfahrung Hoffnung auf zwei Weisen, Verzweiflung auf eine Weise: und aus diesem Grund können wir eher sagen, dass sie Hoffnung verursacht.
Antwort auf Einwand 1: Erfahrung in Angelegenheiten, die das Handeln betreffen, bringt nicht nur Wissen hervor; sie verursacht auch einen gewissen Habitus aufgrund von Gewohnheit, welcher das Handeln leichter macht. Überdies trägt die intellektuelle Tugend selbst zur Kraft bei, mit Leichtigkeit zu handeln: weil sie zeigt, dass etwas möglich ist; und so ist sie eine Ursache der Hoffnung.
Antwort auf Einwand 2: Den Alten mangelt es an Hoffnung wegen ihrer Erfahrung, insofern Erfahrung sie denken lässt, etwas sei unmöglich. Daher fügt er hinzu (Rhet. ii, 13), dass „ihnen viele Übel widerfahren sind“.
Antwort auf Einwand 3: Torheit und Unerfahrenheit können gleichsam akzidentell eine Ursache der Hoffnung sein, indem sie das Wissen entfernen, welches einem helfen würde, ein Ding wahrhaft als unmöglich zu beurteilen. Weshalb Unerfahrenheit aus demselben Grund eine Ursache der Hoffnung ist, aus dem Erfahrung einen Mangel an Hoffnung verursacht.