I-II, q. 40 a. 4
Ob Verzweiflung der Hoffnung entgegengesetzt ist?
Quaestio 40 · Von den zornartigen Leidenschaften, und zwar zuerst von der Hoffnung und der Verzweiflung
Einwand 1: Es scheint, dass Verzweiflung der Hoffnung nicht entgegengesetzt ist. Denn „zu einem Ding gibt es einen Gegensatz“ (Metaph. x, 5). Aber Furcht ist der Hoffnung entgegengesetzt. Also ist Verzweiflung der Hoffnung nicht entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner scheinen Gegensätze sich auf dasselbe zu beziehen. Aber Hoffnung und Verzweiflung beziehen sich nicht auf dasselbe: da die Hoffnung das Gute betrachtet, während die Verzweiflung aus einem Übel entsteht, das der Erlangung des Guten im Wege steht. Also ist Hoffnung der Verzweiflung nicht entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner ist Bewegung der Bewegung entgegengesetzt: während Ruhe der Bewegung als deren Beraubung gegenübersteht. Aber Verzweiflung scheint eher Unbeweglichkeit als Bewegung zu implizieren. Also ist sie der Hoffnung nicht entgegengesetzt, welche eine Bewegung des Ausstreckens nach dem erhofften Gut impliziert.
Dagegen spricht: Schon der Name der Verzweiflung [desperatio] impliziert, dass sie der Hoffnung [spes] entgegengesetzt ist.
Ich antworte darauf: Wie oben dargelegt (Quaestio [23], Artikel [2]), gibt es eine zweifache Gegensätzlichkeit der Bewegungen. Eine besteht im Hinblick auf die Annäherung an entgegengesetzte Termini: und diese Gegensätzlichkeit findet sich allein in den Leidenschaften des Begehrungsvermögens, zum Beispiel zwischen Liebe und Hass. Die andere besteht gemäß Annäherung und Rückzug in Bezug auf denselben Terminus; und sie findet sich in den Leidenschaften des Zornvermögens, wie oben dargelegt (Quaestio [23], Artikel [2]). Nun hat das Objekt der Hoffnung, welches das mühsame Gut ist, den Charakter eines Prinzips der Anziehung, wenn es im Licht von etwas Erreichbarem betrachtet wird; und so tendiert die Hoffnung dorthin, denn sie bezeichnet eine Art der Annäherung. Insofern es aber als unerreichbar betrachtet wird, hat es den Charakter eines Prinzips der Abstoßung, weil, wie in Ethic. iii, 3 gesagt wird, „wenn Menschen auf eine Unmöglichkeit stoßen, sie auseinandergehen“. Und so verhält sich die Verzweiflung zu diesem Objekt, weshalb sie eine Bewegung des Rückzugs impliziert: und folglich ist sie der Hoffnung entgegengesetzt, wie Rückzug der Annäherung.
Antwort auf Einwand 1: Furcht ist der Hoffnung entgegengesetzt, weil ihre Objekte, d.h. Gut und Übel, entgegengesetzt sind: denn diese Gegensätzlichkeit findet sich in den Leidenschaften des Zornvermögens, insofern sie aus den Leidenschaften des Begehrungsvermögens folgen. Aber Verzweiflung ist der Hoffnung nur durch die Gegensätzlichkeit von Annäherung und Rückzug entgegengesetzt.
Antwort auf Einwand 2: Verzweiflung betrachtet nicht das Übel als solches; manchmal jedoch betrachtet sie das Übel akzidentell, als etwas, das das schwierige Gut unmöglich zu erlangen macht. Aber sie kann auch aus dem bloßen Übermaß des Guten entstehen.
Antwort auf Einwand 3: Verzweiflung impliziert nicht nur die Beraubung der Hoffnung, sondern auch ein Zurückweichen von dem begehrten Ding, weil es als unmöglich zu erlangen eingeschätzt wird. Daher setzt Verzweiflung, wie Hoffnung, das Begehren voraus; denn wir hoffen weder auf das, was wir nicht zu haben begehren, noch verzweifeln wir daran. Aus diesem Grund betrachten beide das Gute, welches das Objekt des Begehrens ist.