I-II, q. 40 a. 3
Ob Hoffnung in den vernunftlosen Tieren ist?
Quaestio 40 · Von den zornartigen Leidenschaften, und zwar zuerst von der Hoffnung und der Verzweiflung
Einwand 1: Es scheint, dass in den vernunftlosen Tieren keine Hoffnung ist. Denn Hoffnung richtet sich auf ein zukünftiges Gut, wie Damascener sagt (De Fide Orth. ii, 12). Aber die Kenntnis der Zukunft liegt nicht in der Kompetenz vernunftloser Tiere, deren Erkenntnis auf die Sinne beschränkt ist und sich nicht auf die Zukunft erstreckt. Also gibt es keine Hoffnung in vernunftlosen Tieren.
Einwand 2: Ferner ist das Objekt der Hoffnung ein zukünftiges Gut, das möglich zu erlangen ist. Aber möglich und unmöglich sind Unterschiede des Wahren und des Falschen, die nur im Verstand sind, wie der Philosoph feststellt (Metaph. vi, 4). Also gibt es keine Hoffnung in vernunftlosen Tieren, da sie keinen Verstand haben.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (Gen. ad lit. ix, 14), dass „Tiere von den Dingen bewegt werden, die sie sehen“. Aber Hoffnung richtet sich auf ungesehene Dinge: „Denn was einer sieht, warum hofft er darauf?“ (Röm 8,24). Also gibt es keine Hoffnung in vernunftlosen Tieren.
Dagegen spricht: Hoffnung ist eine Leidenschaft des Zornvermögens. Aber das Zornvermögen ist in vernunftlosen Tieren. Also ist es auch die Hoffnung.
Ich antworte darauf: Die inneren Leidenschaften der Tiere können aus ihren äußeren Bewegungen erschlossen werden: woraus klar wird, dass Hoffnung in vernunftlosen Tieren ist. Denn wenn ein Hund einen Hasen oder ein Falke einen Vogel zu weit entfernt sieht, macht er keine Bewegung auf ihn zu, da er keine Hoffnung hat, ihn zu fangen: ist er jedoch nahe, macht er eine Bewegung auf ihn zu, da er in der Hoffnung ist, ihn zu fangen. Denn wie oben dargelegt (Quaestio [1], Artikel [2]; Quaestio [26], Artikel [1]; Quaestio [35], Artikel [1]), resultieren der sinnliche Appetit der vernunftlosen Tiere und ebenso der natürliche Appetit der empfindungslosen Dinge aus der Auffassung eines Intellekts, genau wie der Appetit der intellektuellen Natur, der Wille genannt wird. Aber es gibt einen Unterschied, insofern der Wille durch eine Auffassung des Intellekts im selben Subjekt bewegt wird; wohingegen die Bewegung des natürlichen Appetits aus der Auffassung des getrennten Intellekts resultiert, welcher der Urheber der Natur ist; ebenso auch der sinnliche Appetit der vernunftlosen Tiere, die aus einem gewissen natürlichen Instinkt handeln. Folglich beobachten wir in den Handlungen der vernunftlosen Tiere und anderer natürlicher Dinge ein Vorgehen, das dem ähnlich ist, was wir in den Handlungen der Kunst beobachten: und auf diese Weise sind Hoffnung und Verzweiflung in den vernunftlosen Tieren.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl vernunftlose Tiere die Zukunft nicht kennen, wird ein Tier doch durch seinen natürlichen Instinkt zu etwas Zukünftigem bewegt, als ob es die Zukunft voraussähe. Denn dieser Instinkt ist ihnen vom göttlichen Intellekt eingepflanzt, der die Zukunft voraussieht.
Antwort auf Einwand 2: Das Objekt der Hoffnung ist nicht das Mögliche als Unterscheidung des Wahren, denn so folgt das Mögliche aus der Beziehung eines Prädikats zu einem Subjekt. Das Objekt der Hoffnung ist das Mögliche im Vergleich zu einer Kraft. Denn so ist die Einteilung des Möglichen, die in Metaph. v, 12 gegeben wird, d.h. in die zwei Arten, die wir gerade erwähnt haben.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl das Ding, das zukünftig ist, nicht unter das Objekt des Sehens fällt, wird dennoch durch das Sehen von etwas Gegenwärtigem der Appetit eines Tieres bewegt, etwas Zukünftiges zu suchen oder zu meiden.