I-II, q. 40 a. 8
Ob Hoffnung eine Hilfe oder ein Hindernis für das Handeln ist?
Quaestio 40 · Von den zornartigen Leidenschaften, und zwar zuerst von der Hoffnung und der Verzweiflung
Einwand 1: Es scheint, dass Hoffnung keine Hilfe, sondern ein Hindernis für das Handeln ist. Denn Hoffnung impliziert Sicherheit. Aber Sicherheit erzeugt Nachlässigkeit, welche das Handeln behindert. Also ist Hoffnung ein Hindernis für das Handeln.
Einwand 2: Ferner behindert Traurigkeit das Handeln, wie oben dargelegt (Quaestio [37], Artikel [3]). Aber Hoffnung verursacht manchmal Traurigkeit: denn es steht geschrieben (Spr 13,12): „Hoffnung, die sich verzögert, ängstigt die Seele.“ Also behindert Hoffnung das Handeln.
Einwand 3: Ferner ist Verzweiflung der Hoffnung entgegengesetzt, wie oben dargelegt (Artikel [4]). Aber Verzweiflung, besonders in Kriegsangelegenheiten, fördert das Handeln; denn es steht geschrieben (2 Kön 2,26), dass „es gefährlich ist, Leute zur Verzweiflung zu treiben“. Also hat Hoffnung eine gegenteilige Wirkung, nämlich indem sie das Handeln behindert.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (1 Kor 9,10), dass „wer pflügt, auf Hoffnung pflügen soll . . . um Frucht zu empfangen“: und dasselbe gilt für alle anderen Handlungen.
Ich antworte darauf: Die Hoffnung ist ihrer Natur nach eine Hilfe für das Handeln, indem sie es intensiver macht: und dies aus zwei Gründen. Erstens aufgrund ihres Objekts, welches ein schwieriges, aber mögliches Gut ist. Denn der Gedanke an seine Schwierigkeit weckt unsere Aufmerksamkeit; während der Gedanke, dass es möglich ist, unsere Anstrengung nicht hemmt. Daher folgt, dass der Mensch aufgrund der Hoffnung auf sein Handeln bedacht ist. Zweitens wegen ihrer Wirkung. Denn Hoffnung verursacht, wie oben dargelegt (Quaestio [32], Artikel [3]), Lust; welche eine Hilfe für das Handeln ist, wie oben dargelegt (Quaestio [33], Artikel [4]). Daher ist Hoffnung dem Handeln förderlich.
Antwort auf Einwand 1: Hoffnung betrachtet ein zu erlangendes Gut; Sicherheit betrachtet ein zu vermeidendes Übel. Weshalb Sicherheit eher der Furcht entgegengesetzt zu sein scheint als zur Hoffnung zu gehören. Doch erzeugt Sicherheit keine Nachlässigkeit, außer insofern sie die Vorstellung der Schwierigkeit verringert: wodurch sie auch den Charakter der Hoffnung verringert: denn die Dinge, bei denen ein Mensch kein Hindernis fürchtet, werden nicht mehr als schwierig angesehen.
Antwort auf Einwand 2: Hoffnung verursacht aus sich selbst heraus Lust; akzidentell ist es, dass sie Traurigkeit verursacht, wie oben dargelegt (Quaestio [32], Artikel [3], ad 2).
Antwort auf Einwand 3: Verzweiflung droht im Krieg mit Gefahr aufgrund einer gewissen Hoffnung, die ihr anhaftet. Denn diejenigen, die an der Flucht verzweifeln, streben weniger danach zu fliehen, sondern hoffen, ihren Tod zu rächen: und daher kämpfen sie in dieser Hoffnung tapferer und erweisen sich folglich als gefährlich für den Feind.