I-II, q. 35 a. 8
: Ob es nur vier Arten der Trauer gibt?
Quaestio 35 · Vom Schmerz oder der Traurigkeit an sich
Einwand 1: Es scheint, dass die Einteilung der Trauer in vier Arten durch Damascenus (De Fide Orth. ii, 14) unrichtig ist; nämlich in „Trägheit (Acedia), Beklemmung (Achthedon)“, welche Gregor von Nyssa [Nemesius, De Nat. Hom. xix.] „Angst“ nennt, – „Mitleid“ und „Neid“. Denn Trauer ist der Lust entgegengesetzt. Aber es gibt nicht mehrere Arten der Lust. Also ist es unrichtig, verschiedene Arten der Trauer anzugeben.
Einwand 2: Ferner ist „Reue“ eine Art der Trauer; und ebenso sind es „Entrüstung“ und „Eifersucht“, wie der Philosoph feststellt (Rhet. ii, 9,11). Aber diese sind in den obigen Arten nicht enthalten. Also ist diese Einteilung unzureichend.
Einwand 3: Ferner sollten die Glieder einer Einteilung Dinge sein, die einander entgegengesetzt sind. Aber diese Arten sind einander nicht entgegengesetzt. Denn gemäß Gregor [Nemesius, De Nat. Hom. xix.] ist „Trägheit eine Trauer, die der Sprache beraubt; Beklemmung ist die Trauer, die niederdrückt; Neid ist Trauer über das Gut eines anderen; Mitleid ist Trauer über das Unrecht eines anderen.“ Aber es ist möglich, dass jemand über das Unrecht eines anderen trauert und über das Gut eines anderen, und zugleich innerlich niedergedrückt ist und äußerlich sprachlos ist. Also ist diese Einteilung korrekt.
Dagegen steht die zweifache Autorität von Gregor von Nyssa [Nemesius] und von Damascenus.
Ich antworte darauf, dass es zum Begriff einer Spezies gehört, dass sie etwas ist, das zur Gattung hinzukommt. Aber ein Ding kann auf zwei Weisen zu einer Gattung hinzukommen. Erstens als etwas, das an sich zur Gattung gehört und virtuell darin enthalten ist: so kommt „vernünftig“ zu „Lebewesen“ hinzu. Ein solches Hinzukommen macht wahre Spezies einer Gattung aus: wie der Philosoph sagt (Metaph. vii, 12; viii, 2,3). Aber zweitens kann ein Ding zu einer Gattung hinzukommen, das dem Begriff, der durch jene Gattung vermittelt wird, gleichsam fremd ist: so kann „weiß“ oder etwas dergleichen zu „Lebewesen“ hinzukommen. Ein solches Hinzukommen macht keine wahren Spezies der Gattung aus, gemäß dem gewöhnlichen Sinn, in dem wir von Gattungen und Spezies sprechen. Aber manchmal wird ein Ding eine Spezies einer gewissen Gattung genannt, weil es zwar etwas jener Gattung Fremdes hat, worauf aber der Begriff jener Gattung anwendbar ist: so wird eine glühende Kohle oder eine Flamme eine Spezies des Feuers genannt, weil in jedem von ihnen die Natur des Feuers auf eine fremde Materie angewandt wird. In gleicher Weise sprechen wir von Astronomie und Perspektive als Spezies der Mathematik, insofern die Prinzipien der Mathematik auf natürliche Materie angewandt werden.
In Übereinstimmung mit dieser Redeweise werden die Arten der Trauer durch eine Anwendung des Begriffs der Trauer auf etwas ihr Fremdes gerechnet. Diese fremde Materie kann aufseiten der Ursache oder des Objekts oder der Wirkung genommen werden. Denn das eigentliche Objekt der Trauer ist das „eigene Übel“. Daher kann Trauer ein ihr fremdes Objekt betreffen, entweder dadurch, dass man traurig ist über ein Übel, das nicht das eigene ist; und so haben wir „Mitleid“, welches Trauer über das Übel eines anderen ist, jedoch betrachtet als das eigene: oder dadurch, dass man traurig ist über etwas, das weder ein Übel noch das eigene ist, sondern das Gut eines anderen, jedoch betrachtet als das eigene Übel: und so haben wir „Neid“. Die eigentliche Wirkung der Trauer besteht in einer gewissen „Flucht des Begehrens“. Weshalb das fremde Element in der Wirkung der Trauer so genommen werden kann, dass es nur den ersten Teil betrifft, indem es die Flucht ausschließt: und so haben wir „Beklemmung“ (oder Angst), die auf dem Gemüt lastet, sodass ein Entkommen unmöglich scheint: daher wird sie auch „Ratlosigkeit“ genannt. Wenn jedoch das Gemüt so sehr niedergedrückt wird, dass sogar die Glieder bewegungslos werden, was zur „Trägheit“ (Acedia) gehört, dann haben wir das fremde Element, das beides betrifft, da es weder eine Flucht gibt, noch die Wirkung im Begehren ist. Und der Grund, warum besonders von der Trägheit gesagt wird, dass sie der Sprache beraubt, ist, weil von allen äußeren Bewegungen die Stimme der beste Ausdruck des inneren Gedankens und Verlangens ist, nicht nur bei Menschen, sondern auch bei anderen Tieren, wie in Polit. i, 1 dargelegt ist.
Antwort auf Einwand 1: Lust wird durch das Gute verursacht, welches nur eine Bedeutung hat: und so wird Lust nicht in mehrere Arten unterteilt wie Trauer; denn letztere wird durch das Böse verursacht, welches „auf viele Weisen geschieht“, wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv).
Antwort auf Einwand 2: Reue ist über das eigene Übel, welches das eigentliche Objekt der Trauer ist: weshalb sie nicht zu diesen Arten gehört. Eifersucht und Entrüstung sind im Neid eingeschlossen, wie wir später erklären werden (SS, Frage [36], Artikel [2]).
Antwort auf Einwand 3: Diese Einteilung erfolgt nicht gemäß entgegengesetzten Spezies; sondern gemäß der Verschiedenheit der fremden Materie, auf die der Begriff der Trauer angewandt wird, wie oben dargelegt.