I-II, q. 35 a. 3
: Ob Trauer oder Schmerz der Lust entgegengesetzt ist?
Quaestio 35 · Vom Schmerz oder der Traurigkeit an sich
Einwand 1: Es scheint, dass Trauer der Lust nicht entgegengesetzt ist. Denn eines von zwei Gegenteilen ist nicht die Ursache des anderen. Trauer aber kann die Ursache von Lust sein; denn es steht geschrieben (Mt 5,5): „Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ Also sind sie einander nicht entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner benennt ein Gegenteil nicht das andere. Aber manchen bereitet Schmerz oder Trauer Lust: so sagt Augustinus (Confess. iii, 2), dass in Schauspielen die Trauer selbst Lust bereitet: und (Confess. iv, 5), dass „Weinen eine bittere Sache ist, und doch gefällt es uns manchmal.“ Also ist Schmerz der Lust nicht entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner ist ein Gegenteil nicht der Stoff des anderen; weil Gegenteile nicht zugleich existieren können. Trauer aber kann der Stoff der Lust sein; denn Augustinus sagt (De Poenit. xiii): „Der Büßer soll immer trauern und sich über seine Trauer freuen.“ Auch der Philosoph sagt (Ethic. ix, 4), dass andererseits „der schlechte Mensch Schmerz empfindet, Lust gehabt zu haben.“ Also sind Lust und Schmerz einander nicht entgegengesetzt.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 6), dass „Freude der Wille der Zustimmung zu den Dingen ist, die wir wünschen: und dass Trauer der Wille der Ablehnung der Dinge ist, die wir nicht wünschen.“ Aber Zustimmung und Ablehnung sind Gegenteile. Also sind Lust und Trauer einander entgegengesetzt.
Ich antworte darauf, dass, wie der Philosoph sagt (Metaph. x, 4), Gegensätzlichkeit eine Verschiedenheit in Bezug auf eine Form ist. Nun wird die Form oder Spezies einer Leidenschaft oder Bewegung vom Objekt oder Ziel her genommen. Da also die Objekte von Lust und Trauer oder Schmerz, nämlich gegenwärtiges Gut und gegenwärtiges Übel, einander entgegengesetzt sind, folgt daraus, dass Schmerz und Lust einander entgegengesetzt sind.
Antwort auf Einwand 1: Nichts hindert daran, dass ein Gegenteil das andere akzidentell verursacht: und so kann Trauer die Ursache von Lust sein. Auf eine Weise, insofern man aus Trauer über die Abwesenheit von etwas oder über die Anwesenheit seines Gegenteils umso eifriger nach etwas Angenehmem sucht: so sucht ein durstiger Mann eifriger nach dem Genuss eines Getränks als Heilmittel für den Schmerz, den er leidet. Auf eine andere Weise, insofern man aus einem starken Verlangen nach einer gewissen Lust nicht davor zurückschreckt, Schmerz zu erleiden, um jene Lust zu erlangen. Auf jede dieser Weisen führen uns die Traurigkeiten des gegenwärtigen Lebens zum Trost des zukünftigen Lebens. Denn durch die bloße Tatsache, dass der Mensch über seine Sünden oder über die Verzögerung der Herrlichkeit trauert, verdient er den Trost der Ewigkeit. In gleicher Weise verdient er ihn, wenn er nicht vor Mühsalen und Nöten zurückschreckt, um ihn zu erlangen.
Antwort auf Einwand 2: Schmerz selbst kann akzidentell lustvoll sein, insofern er von Verwunderung begleitet wird, wie in Schauspielen; oder insofern er einen geliebten Gegenstand ins Gedächtnis ruft und einen die Liebe zu dem Ding fühlen lässt, dessen Abwesenheit uns Schmerz bereitet. Da also Liebe angenehm ist, sind sowohl der Schmerz als auch alles andere, was aus der Liebe resultiert, insofern sie uns an unsere Liebe erinnern, angenehm. Und aus diesem Grund empfinden wir sogar Lust an Schmerzen, die auf der Bühne dargestellt werden: insofern wir beim Zuschauen wahrnehmen, dass wir eine gewisse Liebe für jene empfinden, die dort dargestellt werden.
Antwort auf Einwand 3: Der Wille und die Vernunft reflektieren über ihre eigenen Akte, insofern die Akte des Willens und der Vernunft selbst unter der Rücksicht des Guten oder Bösen betrachtet werden. Auf diese Weise kann Trauer der Stoff der Lust sein oder umgekehrt, nicht wesentlich, sondern akzidentell: das heißt, insofern eines von beiden unter der Rücksicht des Guten oder Bösen betrachtet wird.