I-II, q. 35 a. 2
: Ob Trauer dasselbe ist wie Schmerz?
Quaestio 35 · Vom Schmerz oder der Traurigkeit an sich
Einwand 1: Es scheint, dass Trauer nicht Schmerz ist. Denn Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 7), dass „Schmerz gebraucht wird, um körperliches Leiden auszudrücken.“ Trauer aber wird mehr in Bezug auf die Seele gebraucht. Also ist Trauer nicht Schmerz.
Einwand 2: Ferner bezieht sich Schmerz nur auf gegenwärtiges Übel. Trauer aber kann sich sowohl auf vergangenes als auch auf zukünftiges Übel beziehen: so ist Reue Trauer über Vergangenes und Sorge Trauer über Zukünftiges. Also ist Trauer etwas ganz anderes als Schmerz.
Einwand 3: Ferner scheint Schmerz nur aus dem Tastsinn zu folgen. Trauer aber kann aus allen Sinnen entstehen. Also ist Trauer nicht Schmerz und erstreckt sich auf mehr Gegenstände.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Röm 9,2): „Ich habe große Trauer und beständigen Schmerz in meinem Herzen“, womit er durch Trauer und Schmerz dasselbe bezeichnet.
Ich antworte darauf, dass Lust und Schmerz aus einer zweifachen Erkenntnis entstehen können, nämlich aus der Erkenntnis eines äußeren Sinnes und aus der inneren Erkenntnis des Intellekts oder der Einbildungskraft. Nun erstreckt sich die innere Erkenntnis auf mehr Gegenstände als die äußere Erkenntnis: weil alles, was unter die äußere Erkenntnis fällt, auch unter die innere fällt, aber nicht umgekehrt. Folglich wird jene Lust allein, die durch eine innere Erkenntnis verursacht wird, Freude genannt, wie oben dargelegt (Frage [31], Artikel [3]): und in gleicher Weise wird jener Schmerz allein, der durch eine innere Erkenntnis verursacht wird, Trauer genannt. Und so wie jene Lust, die durch eine äußere Erkenntnis verursacht wird, Lust, aber nicht Freude genannt wird; so wird auch jener Schmerz, der durch eine äußere Erkenntnis verursacht wird, zwar Schmerz, aber nicht Trauer genannt. Demnach ist die Trauer eine Art des Schmerzes, wie die Freude eine Art der Lust ist.
Antwort auf Einwand 1: Augustinus spricht dort vom Sprachgebrauch: weil „Schmerz“ allgemeiner in Bezug auf körperliche Schmerzen verwendet wird, die bekannter sind, als in Bezug auf geistige Schmerzen.
Antwort auf Einwand 2: Der äußere Sinn nimmt nur wahr, was gegenwärtig ist; aber die innere Erkenntniskraft kann Gegenwärtiges, Vergangenes und Zukünftiges wahrnehmen. Folglich kann Trauer Gegenwärtiges, Vergangenes und Zukünftiges betreffen: wohingegen körperlicher Schmerz, der der Erkenntnis des äußeren Sinnes folgt, nur etwas Gegenwärtiges betreffen kann.
Antwort auf Einwand 3: Die Wahrnehmungsobjekte des Tastsinns sind schmerzhaft, nicht nur insofern sie im Missverhältnis zur Erkenntniskraft stehen, sondern auch insofern sie der Natur entgegengesetzt sind: wohingegen die Objekte der anderen Sinne zwar im Missverhältnis zur Erkenntniskraft stehen können, aber nicht der Natur entgegengesetzt sind, außer insofern sie den Wahrnehmungsobjekten des Tastsinns untergeordnet sind. Folglich empfindet der Mensch allein, der ein vollkommen erkennendes Lebewesen ist, Lust an den Objekten der anderen Sinne um ihrer selbst willen; wohingegen andere Tiere keine Lust an ihnen empfinden, außer insofern sie auf die Objekte des Tastsinns beziehbar sind, wie in Ethic. iii, 10 dargelegt. Dementsprechend sprechen wir in Bezug auf die Objekte der anderen Sinne nicht von Schmerz, insofern er der natürlichen Lust entgegengesetzt ist: sondern eher von Trauer, die der Freude entgegengesetzt ist. Wenn also Schmerz als Bezeichnung für körperlichen Schmerz genommen wird, was seine gebräuchlichere Bedeutung ist, dann wird er der Trauer gegenübergestellt, gemäß der Unterscheidung von innerer und äußerer Erkenntnis; obwohl sich die Lust aufseiten der Objekte weiter erstreckt als der körperliche Schmerz. Wenn aber Schmerz in einem weiten Sinne genommen wird, dann ist er die Gattung der Trauer, wie oben dargelegt.