I-II, q. 35 a. 1
: Ob der Schmerz eine Leidenschaft der Seele ist?
Quaestio 35 · Vom Schmerz oder der Traurigkeit an sich
Einwand 1: Es scheint, dass der Schmerz keine Leidenschaft der Seele ist. Denn keine Leidenschaft der Seele befindet sich im Körper. Der Schmerz aber kann im Körper sein, da Augustinus sagt (De Vera Relig. xii), dass „der körperliche Schmerz ein plötzliches Verderben des Wohlergehens jener Sache ist, welche die Seele, indem sie sie übel gebrauchte, dem Verderben unterwarf.“ Also ist der Schmerz keine Leidenschaft der Seele.
Einwand 2: Ferner gehört jede Leidenschaft der Seele zum Begehrungsvermögen. Der Schmerz aber gehört nicht zum Begehrungsvermögen, sondern eher zum Erkenntnisvermögen; denn Augustinus sagt (De Nat. Boni xx), dass „der körperliche Schmerz durch den Widerstand des Sinnes gegen einen stärkeren Körper verursacht wird.“ Also ist der Schmerz keine Leidenschaft der Seele.
Einwand 3: Ferner gehört jede Leidenschaft der Seele zum tierischen Begehren. Der Schmerz aber gehört nicht zum tierischen Begehren, sondern eher zum natürlichen Begehren; denn Augustinus sagt (Gen. ad lit. viii, 14): „Wäre nicht ein Gut in der Natur verblieben, so würden wir keinen Schmerz empfinden, wenn wir durch den Verlust des Guten bestraft werden.“ Also ist der Schmerz keine Leidenschaft der Seele.
Dagegen spricht, dass Augustinus (De Civ. Dei xiv, 8) den Schmerz zu den Leidenschaften der Seele rechnet, indem er Vergil zitiert (Aeneis, vi, 733): „Daher rühren ihr Fürchten und Wünschen, ihr Schmerz und ihre Freude.“
Ich antworte darauf, dass, so wie für die Lust zwei Dinge erforderlich sind, nämlich die Vereinigung mit dem Guten und die Wahrnehmung dieser Vereinigung, so auch für den Schmerz zwei Dinge erforderlich sind: nämlich die Vereinigung mit irgendeinem Übel (welches insofern übel ist, als es jemanden eines Gutes beraubt) und die Wahrnehmung dieser Vereinigung. Nun kann alles, was vereinigt ist, wenn es nicht die Rücksicht des Guten oder Bösen in Bezug auf das Wesen hat, mit dem es vereinigt ist, keine Lust oder keinen Schmerz verursachen. Daher ist offensichtlich, dass etwas unter der Rücksicht des Guten oder Bösen Gegenstand der Lust oder des Schmerzes ist. Gut und Böse als solche sind aber Gegenstände des Begehrens. Folglich ist klar, dass Lust und Schmerz zum Begehren gehören.
Nun gehört jede begehrende Bewegung oder Neigung, die auf eine Erkenntnis folgt, zum geistigen oder sinnlichen Begehren: denn die Neigung des natürlichen Begehrens folgt nicht auf eine Erkenntnis des Subjekts dieses Begehrens, sondern auf die Erkenntnis eines anderen, wie im ersten Teil, Frage [103], Artikel [1] und 3 dargelegt wurde. Da also Lust und Schmerz irgendeinen Sinn oder eine Erkenntnis im selben Subjekt voraussetzen, ist es offensichtlich, dass der Schmerz, wie die Lust, im geistigen oder sinnlichen Begehren ist.
Wiederum wird jede Bewegung des sinnlichen Begehrens eine Leidenschaft genannt, wie oben dargelegt (Frage [22], Artikel [1] und 3): und besonders jene, die zu einem Mangel tendieren. Folglich wird der Schmerz, insofern er im sinnlichen Begehren ist, am eigentlichsten eine Leidenschaft der Seele genannt: so wie körperliche Gebrechen eigentlich Leidenschaften des Körpers genannt werden. Daher rechnet Augustinus (De Civ. Dei xiv, 7,[8]) den Schmerz besonders dazu, eine Art von Gebrechen zu sein.
Antwort auf Einwand 1: Wir sprechen vom Körper, weil die Ursache des Schmerzes im Körper liegt: wie wenn wir etwas erleiden, das dem Körper schädlich ist. Aber die Bewegung des Schmerzes ist immer in der Seele; denn „der Körper kann keinen Schmerz empfinden, wenn nicht die Seele ihn empfindet“, wie Augustinus sagt (Super Psalm 87:4).
Antwort auf Einwand 2: Wir sprechen vom Schmerz der Sinne, nicht als ob er ein Akt der Sinneskraft wäre; sondern weil die Sinne für den körperlichen Schmerz erforderlich sind, in gleicher Weise wie für die körperliche Lust.
Antwort auf Einwand 3: Der Schmerz über den Verlust des Guten beweist die Güte der Natur, nicht weil der Schmerz ein Akt des natürlichen Begehrens ist, sondern weil die Natur etwas als gut begehrt, dessen Entzug wahrgenommen wird, woraus die Leidenschaft des Schmerzes im sinnlichen Begehren resultiert.