I-II, q. 35 a. 4
: Ob jede Trauer jeder Lust entgegengesetzt ist?
Quaestio 35 · Vom Schmerz oder der Traurigkeit an sich
Einwand 1: Es scheint, dass jede Trauer jeder Lust entgegengesetzt ist. Denn so wie Weiß und Schwarz entgegengesetzte Arten von Farbe sind, so sind Lust und Trauer entgegengesetzte Arten der Leidenschaften der Seele. Aber Weiß und Schwarz sind einander universell entgegengesetzt. Also sind es Lust und Trauer auch.
Einwand 2: Ferner werden Heilmittel aus entgegengesetzten Dingen gemacht. Aber jede Lust ist ein Heilmittel für jede Art von Trauer, wie der Philosoph erklärt (Ethic. vii, 14). Also ist jede Lust jeder Trauer entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner sind Gegenteile einander hinderlich. Aber jede Trauer hindert jede Art von Lust: wie aus Ethic. x, 5 ersichtlich ist. Also ist jede Trauer jeder Lust entgegengesetzt.
Dagegen spricht, dass dasselbe Ding nicht die Ursache von Gegenteilen ist. Aber Freude über eine Sache und Trauer über das Gegenteil gehen aus demselben Habitus hervor: so geschieht es aus der Liebe (Caritas), dass wir uns „freuen mit den Fröhlichen“ und „weinen mit den Weinenden“ (Röm 12,15). Also ist nicht jede Trauer jeder Lust entgegengesetzt.
Ich antworte darauf, dass, wie in Metaph. x, 4 dargelegt, Gegensätzlichkeit eine Verschiedenheit in Bezug auf eine Form ist. Nun kann eine Form gattungsmäßig oder artspezifisch sein. Folglich können Dinge Gegenteile sein in Bezug auf eine gattungsmäßige Form, wie Tugend und Laster; oder in Bezug auf eine artspezifische Form, wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit.
Nun müssen wir beachten, dass einige Dinge durch absolute Formen spezifiziert werden, z. B. Substanzen und Qualitäten; wohingegen andere Dinge in Relation zu etwas Äußerem spezifiziert werden, z. B. Leidenschaften und Bewegungen, die ihre Spezies von ihren Zielen oder Objekten ableiten. Dementsprechend geschieht es bei jenen Dingen, die durch absolute Formen spezifiziert werden, dass Spezies, die unter entgegengesetzten Gattungen enthalten sind, hinsichtlich ihrer spezifischen Natur nicht entgegengesetzt sind: aber es kommt ihnen nicht zu, irgendeine Verwandtschaft oder Passung zueinander zu haben. Denn Unmäßigkeit und Gerechtigkeit, die in den entgegengesetzten Gattungen von Tugend und Laster sind, sind einander hinsichtlich ihrer spezifischen Natur nicht entgegengesetzt; und doch haben sie keine Verwandtschaft oder Passung zueinander. Andererseits geschieht es bei jenen Dingen, die in Relation zu etwas Äußerem spezifiziert werden, dass Spezies, die zu entgegengesetzten Gattungen gehören, nicht nur einander nicht entgegengesetzt sind, sondern dass sie auch eine gewisse gegenseitige Verwandtschaft oder Passung haben. Der Grund dafür ist, dass dort, wo eine selbe Relation zu zwei Gegenteilen besteht, Gegensätzlichkeit vorliegt; z. B. sich etwas Weißem zu nähern und sich etwas Schwarzem zu nähern, sind Gegenteile; wohingegen entgegengesetzte Relationen zu entgegengesetzten Dingen eine gewisse Ähnlichkeit implizieren, z. B. sich von etwas Weißem zu entfernen und sich etwas Schwarzem zu nähern. Dies ist am offensichtlichsten im Fall des Widerspruchs, der das Prinzip der Opposition ist: weil Opposition darin besteht, dasselbe zu bejahen und zu verneinen, z. B. „weiß“ und „nicht-weiß“; während in der Bejahung des einen Gegenteils und der Verneinung des anderen eine Passung und Ähnlichkeit besteht, wie wenn ich sagen würde „schwarz“ und „nicht weiß“.
Nun werden Trauer und Lust, da sie Leidenschaften sind, durch ihre Objekte spezifiziert. Gemäß ihren jeweiligen Gattungen sind sie einander entgegengesetzt: da das eine eine Art von „Verfolgung“ (Streben), das andere eine Art von „Vermeidung“ (Meiden) ist, welche „für das Begehren das sind, was Bejahung und Verneinung für den Intellekt sind“ (Ethic. vi, 2). Folglich sind Trauer und Lust in Bezug auf dasselbe Objekt einander spezifisch entgegengesetzt: wohingegen Trauer und Lust in Bezug auf Objekte, die nicht entgegengesetzt, sondern disparat sind, einander nicht spezifisch entgegengesetzt sind, sondern ebenfalls disparat; zum Beispiel Trauer über den Tod eines Freundes und Lust an der Betrachtung. Wenn jedoch jene verschiedenen Objekte einander entgegengesetzt sind, dann sind Lust und Trauer nicht nur spezifisch entgegengesetzt, sondern sie haben auch eine gewisse gegenseitige Passung und Verwandtschaft: zum Beispiel sich am Guten zu freuen und über das Böse zu trauern.
Antwort auf Einwand 1: Weiß und Schwarz nehmen ihre Spezies nicht aus ihrer Beziehung zu etwas Äußerem, wie Lust und Trauer es tun: weshalb der Vergleich nicht stichhaltig ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Gattung wird von der Materie genommen, wie in Metaph. viii, 2 dargelegt ist; und bei Akzidenzien nimmt das Subjekt die Stelle der Materie ein. Nun wurde oben gesagt, dass Lust und Trauer einander der Gattung nach entgegengesetzt sind. Folglich hat das Subjekt in jeder Trauer eine Disposition, die der Disposition des Subjekts der Lust entgegengesetzt ist: weil in jeder Lust das Begehren so gesehen wird, dass es das akzeptiert, was es besitzt, und in jeder Trauer, dass es dies meidet. Und deshalb ist aufseiten des Subjekts jede Lust ein Heilmittel für jede Art von Trauer, und jede Trauer ist ein Hindernis für jede Art von Lust: aber hauptsächlich dann, wenn die Lust der Trauer spezifisch entgegengesetzt ist.
Woraus die Antwort auf den dritten Einwand ersichtlich ist. Oder wir können sagen, dass, obwohl nicht jede Trauer jeder Lust spezifisch entgegengesetzt ist, sie doch einander in Bezug auf ihre Wirkungen entgegengesetzt sind: da die eine die Wirkung hat, die tierische Natur zu stärken, während die andere in einer Art von Unbehagen resultiert.