I-II, q. 35 a. 6
: Ob Trauer mehr zu meiden ist, als Lust zu suchen ist?
Quaestio 35 · Vom Schmerz oder der Traurigkeit an sich
Einwand 1: Es scheint, dass Trauer mehr zu meiden ist, als Lust zu suchen ist. Denn Augustinus sagt (Quaest. 83, qu. 63): „Es gibt niemanden, der nicht Trauer mehr meidet, als er Lust sucht.“ Nun scheint das, worin alle übereinstimmen, natürlich zu sein. Also ist es natürlich und richtig, dass Trauer mehr gemieden wird, als Lust gesucht wird.
Einwand 2: Ferner trägt die Einwirkung eines Gegenteils zur Schnelligkeit und Intensität der Bewegung bei: denn „heißes Wasser gefriert schneller und härter“, wie der Philosoph sagt (Meteor. i, 12). Aber das Meiden von Trauer ist auf die Gegensätzlichkeit der Ursache der Trauer zurückzuführen; wohingegen das Verlangen nach Lust nicht aus irgendeiner Gegensätzlichkeit entsteht, sondern vielmehr aus der Angemessenheit des angenehmen Objekts. Also wird Trauer eifriger gemieden, als Lust gesucht wird.
Einwand 3: Ferner, je stärker die Leidenschaft ist, der ein Mensch gemäß der Vernunft widersteht, desto lobenswerter und tugendhafter ist er: da „Tugend sich mit dem Schwierigen und dem Guten befasst“ (Ethic. ii, 3). Aber der tapfere Mann, der der Bewegung des Meidens von Trauer widersteht, ist tugendhafter als der mäßige Mann, der der Bewegung des Verlangens nach Lust widersteht: da der Philosoph sagt (Rhet. ii, 4), dass „die Tapferen und die Gerechten am meisten gelobt werden.“ Also ist die Bewegung des Meidens von Trauer eifriger als die Bewegung des Suchens nach Lust.
Dagegen spricht, dass das Gute stärker ist als das Böse, wie Dionysius erklärt (Div. Nom. iv). Aber Lust ist erstrebenswert um des Guten willen, das ihr Objekt ist; wohingegen das Meiden von Trauer wegen des Bösen geschieht. Also ist das Verlangen nach Lust eifriger als das Meiden von Trauer.
Ich antworte darauf, dass das Verlangen nach Lust an sich eifriger ist als das Meiden von Trauer. Der Grund dafür ist, dass die Ursache der Lust ein angemessenes Gut ist; während die Ursache von Schmerz oder Trauer ein unangemessenes Übel ist. Nun geschieht es, dass ein gewisses Gut ohne irgendeinen Widerstreit angemessen ist: aber es ist nicht möglich, dass irgendein Übel so unangemessen ist, dass es nicht auf irgendeine Weise angemessen wäre. Weshalb Lust ganz und vollkommen sein kann: wohingegen Trauer immer teilweise ist. Daher ist das Verlangen nach Lust von Natur aus größer als das Meiden von Trauer. Ein anderer Grund ist, weil das Gute, das Objekt der Lust ist, um seiner selbst willen gesucht wird: wohingegen das Böse, das Objekt der Trauer ist, gemieden werden soll, weil es eine Beraubung des Guten ist: und das, was aufgrund seiner selbst ist, ist stärker als das, was aufgrund eines anderen ist. Überdies finden wir eine Bestätigung dafür in den natürlichen Bewegungen. Denn jede natürliche Bewegung ist am Ende intensiver, wenn sich ein Ding dem Ziel nähert, das seiner Natur angemessen ist, als am Anfang, wenn es das Ziel verlässt, das seiner Natur unangemessen ist: als ob die Natur eifriger darin wäre, zu dem zu tendieren, was ihr angemessen ist, als das zu meiden, was ihr unangemessen ist. Daher ist die Neigung der begehrenden Kraft an sich eifriger im Tendieren zur Lust als im Meiden von Trauer.
Aber es geschieht akzidentell, dass ein Mensch Trauer eifriger meidet, als er Lust sucht: und dies aus drei Gründen. Erstens aufseiten der Erkenntnis. Weil, wie Augustinus sagt (De Trin. x, 12), „Liebe schärfer empfunden wird, wenn uns das fehlt, was wir lieben.“ Nun resultiert aus dem Fehlen dessen, was wir lieben, Trauer, die entweder durch den Verlust eines geliebten Gutes oder durch die Anwesenheit eines entgegengesetzten Übels verursacht wird. Aber Lust leidet keinen Mangel an dem geliebten Gut, denn sie ruht in dessen Besitz. Da also Liebe die Ursache von Lust und Trauer ist, wird letztere umso mehr gemieden, je schärfer die Liebe aufgrund dessen empfunden wird, was ihr entgegengesetzt ist. Zweitens aufseiten der Ursache von Trauer oder Schmerz, welche Ursache einem Gut widerstreitet, das mehr geliebt wird als das Gut, an dem wir Lust empfinden. Denn wir lieben das natürliche Wohlergehen des Körpers mehr als die Lust am Essen: und folglich würden wir die Lust am Essen und dergleichen lassen aus Furcht vor dem Schmerz, der durch Schläge oder andere solche Ursachen hervorgerufen wird, die dem Wohlergehen des Körpers entgegengesetzt sind. Drittens aufseiten der Wirkung: nämlich insofern Trauer nicht nur eine Lust hindert, sondern alle.
Antwort auf Einwand 1: Der Ausspruch des Augustinus, dass „Trauer mehr gemieden wird, als Lust gesucht wird“, ist akzidentell wahr, aber nicht schlechthin. Und dies ist klar aus dem, was er danach sagt: „Da wir sehen, dass die wildesten Tiere von den größten Lüsten durch Furcht vor Schmerz abgeschreckt werden“, welcher Schmerz dem Leben entgegengesetzt ist, das über alles geliebt wird.
Antwort auf Einwand 2: Es ist nicht dasselbe mit der Bewegung von innen und der Bewegung von außen. Denn Bewegung von innen tendiert mehr zu dem, was angemessen ist, als sie von dem zurückweicht, was unangemessen ist; wie wir oben in Bezug auf die natürliche Bewegung bemerkt haben. Aber Bewegung von außen wird durch den Widerstand selbst intensiviert: weil jedes Ding auf seine eigene Weise danach strebt, allem zu widerstehen, was ihm entgegengesetzt ist, da es auf seine eigene Erhaltung abzielt. Daher ist gewaltsame Bewegung zuerst intensiv und lässt gegen Ende nach. Nun ist die Bewegung des Begehrungsvermögens von innen: da sie von der Seele zum Objekt tendiert. Folglich ist Lust an sich mehr zu suchen, als Trauer zu meiden ist. Aber die Bewegung der sinnlichen Kraft ist von außen, gleichsam vom Objekt der Seele her. Folglich wird ein Ding umso mehr empfunden, je entgegengesetzter es ist. Und dann auch akzidentell, insofern die Sinne für Lust und Schmerz erforderlich sind, wird Schmerz mehr gemieden, als Lust gesucht wird.
Antwort auf Einwand 3: Ein tapferer Mann wird nicht deshalb gelobt, weil er gemäß der Vernunft nicht von irgendeiner Art von Trauer oder Schmerz überwunden wird, sondern weil er nicht von jenem überwunden wird, der mit den Gefahren des Todes zu tun hat. Und diese Art von Trauer wird mehr gemieden, als Lüste des Tisches oder des Geschlechtsverkehrs gesucht werden, welche letzteren Lüste Gegenstand der Mäßigung sind: so wird das Leben mehr geliebt als Nahrung und geschlechtliche Lust. Aber der mäßige Mann wird dafür gelobt, dass er sich der Lüste des Tastsinns enthält, mehr als dafür, dass er die Schmerzen nicht meidet, die ihnen entgegengesetzt sind, wie in Ethic. iii, 11 dargelegt ist.