I-II, q. 32 a. 7
Ist Ähnlichkeit eine Ursache der Lust?
Quaestio 32 · Von der Ursache der Lust
Einwand 1: Es scheint, dass Ähnlichkeit keine Ursache der Lust ist. Denn Herrschen und Vorstehen scheinen eine gewisse Unähnlichkeit zu implizieren. Aber „es ist natürlich, Lust am Herrschen und Vorstehen zu finden“, wie in Rhetor. i, 11 dargelegt. Also ist Unähnlichkeit eher als Ähnlichkeit eine Ursache der Lust.
Einwand 2: Ferner ist nichts der Lust unähnlicher als Kummer. Aber jene, die von Kummer belastet sind, sind am meisten geneigt, Lüste zu suchen, wie der Philosoph sagt (Ethic. vii, 14). Also ist Unähnlichkeit eher als Ähnlichkeit eine Ursache der Lust.
Einwand 3: Ferner ziehen jene, die mit gewissen Genüssen gesättigt sind, nicht Lust, sondern Ekel daraus; wie wenn einer mit Speise gesättigt ist. Also ist Ähnlichkeit keine Ursache der Lust.
Dagegen spricht, dass Ähnlichkeit eine Ursache der Liebe ist, wie oben dargelegt (Quaestio [27], Artikel [3]): und Liebe ist die Ursache der Lust. Also ist Ähnlichkeit eine Ursache der Lust.
Ich antworte darauf, dass Ähnlichkeit eine Art von Einheit ist; daher verursacht das, was uns ähnlich ist, als eins mit uns seiend, Lust; gerade so wie es Liebe verursacht, wie oben dargelegt (Quaestio [27], Artikel [3]). Und wenn das, was uns ähnlich ist, unser eigenes Gut nicht verletzt, sondern es vermehrt, ist es schlechthin lustvoll; zum Beispiel ein Mensch in Bezug auf einen anderen, ein Jüngling im Verhältnis zu einem anderen. Aber wenn es für unser eigenes Gut schädlich ist, so verursacht es akzidentell Ekel oder Traurigkeit, nicht als ähnlich und eins mit uns seiend, sondern als schädlich für das, was noch mehr eins mit uns ist.
Nun geschieht es auf zwei Weisen, dass etwas Ähnliches für unser eigenes Gut schädlich ist. Erstens durch Zerstörung des Maßes unseres eigenen Gutes, durch eine Art von Übermaß; weil das Gute, besonders das körperliche Gut, wie Gesundheit, durch ein gewisses Maß bedingt ist: weshalb überflüssiges Gut oder irgendeine körperliche Lust Ekel verursacht. Zweitens dadurch, dass es dem eigenen Gut direkt entgegengesetzt ist: so missbilligt ein Töpfer andere Töpfer, nicht weil sie Töpfer sind, sondern weil sie ihn seiner eigenen Vortrefflichkeit oder Gewinne berauben, die er als sein eigenes Gut sucht.
Antwort auf den ersten Einwand: Da Herrscher und Untertan in Gemeinschaft miteinander stehen, gibt es eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihnen: aber diese Ähnlichkeit ist durch eine gewisse Überlegenheit bedingt, da Herrschen und Vorstehen zur Vortrefflichkeit des eigenen Gutes eines Menschen gehören: weil sie Menschen zukommen, die weise und besser als andere sind; mit dem Ergebnis, dass sie dem Menschen eine Vorstellung seiner eigenen Vortrefflichkeit geben. Ein anderer Grund ist, dass ein Mensch durch Herrschen und Vorstehen anderen Gutes tut, was angenehm ist.
Antwort auf den zweiten Einwand: Dasjenige, was dem bekümmerten Menschen Lust bereitet, trägt, obwohl es dem Kummer unähnlich ist, eine gewisse Ähnlichkeit zu dem Menschen, der bekümmert ist: weil Kümmernisse seinem eigenen Gut entgegengesetzt sind. Weshalb der bekümmerte Mensch Lust sucht, als förderlich für sein eigenes Gut, insofern sie ein Heilmittel für dessen Gegenteil ist. Und dies ist der Grund, warum körperliche Lüste, die gewissen Kümmernissen entgegengesetzt sind, mehr gesucht werden als intellektuelle Lüste, die keinen entgegengesetzten Kummer haben, wie wir später darlegen werden (Quaestio [35], Artikel [5]). Und dies erklärt, warum alle Tiere von Natur aus Lust begehren: weil Tiere immer durch Sinn und Bewegung wirken. Aus diesem Grund sind auch junge Leute am meisten geneigt, Lüste zu suchen; wegen der vielen Veränderungen, denen sie unterworfen sind, während sie noch wachsen. Überdies hat der Melancholiker deshalb ein starkes Verlangen nach Lüsten, um Traurigkeit zu vertreiben: weil sein „Körper von einem schlechten Saft zerfressen wird“, wie in Ethic. vii, 14 dargelegt.
Antwort auf den dritten Einwand: Körperliche Güter sind durch ein gewisses festes Maß bedingt: weshalb ein Übermaß an solchen Dingen das eigentliche Gut zerstört und folglich Anlass zu Ekel und Traurigkeit gibt, indem es dem eigentlichen Gut des Menschen entgegengesetzt ist.