I-II, q. 32 a. 6
Ist Gutes tun an einem anderen eine Ursache der Lust?
Quaestio 32 · Von der Ursache der Lust
Einwand 1: Es scheint, dass Gutes tun an einem anderen keine Ursache der Lust ist. Denn Lust wird dadurch verursacht, dass man sein eigenes Gut erlangt, wie oben dargelegt (Artikel [1],5; Quaestio [31], Artikel [1]). Aber Gutes tun gehört nicht zur Erlangung, sondern zur Ausgabe des eigenen Gutes. Also scheint es eher die Ursache von Traurigkeit als von Lust zu sein.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. iv, 1), dass „Geiz dem Menschen wesensverwandter ist als Verschwendung“. Nun ist es ein Zeichen von Verschwendung, anderen Gutes zu tun; während es ein Zeichen von Geiz ist, davon abzulassen, Gutes zu tun. Da also jeder Lust an einer wesensverwandten Tätigkeit findet, wie in Ethic. vii, 14 und x, 4 dargelegt, scheint es, dass Gutes tun an anderen keine Ursache der Lust ist.
Einwand 3: Ferner gehen gegensätzliche Wirkungen aus gegensätzlichen Ursachen hervor. Aber der Mensch findet eine natürliche Lust an gewissen Arten des Übeltuns, wie andere zu überwinden, zu widersprechen oder zu schelten, oder, wenn er zornig ist, sie zu bestrafen, wie der Philosoph sagt (Rhet. i, 11). Also ist Gutes tun an anderen eher eine Ursache von Traurigkeit als von Lust.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Polit. ii, 2), es sei „höchst angenehm, Freunden und Fremden Geschenke oder Beistand zu geben“.
Ich antworte darauf, dass Gutes tun an einem anderen auf dreifache Weise Lust bereiten kann. Erstens in Betrachtung der Wirkung, welche das dem anderen verliehene Gut ist. In dieser Hinsicht finden wir, insofern wir durch Liebe mit anderen vereint sind und ihr Gut als unser eigenes ansehen, Lust an dem Gut, das wir anderen tun, besonders unseren Freunden, wie an unserem eigenen Gut. Zweitens in Betrachtung des Ziels; wie wenn ein Mensch, indem er einem anderen Gutes tut, hofft, irgendein Gut für sich selbst zu bekommen, entweder von Gott oder vom Menschen: denn Hoffnung ist eine Ursache der Lust. Drittens in Betrachtung des Prinzips: und so kann Gutes tun an einem anderen Lust bereiten in Bezug auf ein dreifaches Prinzip. Eines ist das Vermögen, Gutes zu tun: und in dieser Hinsicht wird Gutes tun an einem anderen angenehm, insofern es im Menschen eine Vorstellung von überfließendem Gut weckt, das in ihm existiert, wovon er fähig ist, anderen einen Anteil zu geben. Weshalb Menschen Lust an ihren Kindern und an ihren eigenen Werken finden, als an Dingen, denen sie einen Anteil ihres eigenen Gutes verleihen. Ein anderes Prinzip ist die habituelle Neigung des Menschen, Gutes zu tun, aufgrund derer das Gutestun ihm wesensverwandt wird: weshalb der freigebige Mensch Lust daran findet, anderen zu geben. Das dritte Prinzip ist das Motiv: zum Beispiel wenn ein Mensch von jemandem, den er liebt, bewegt wird, jemandem Gutes zu tun: denn was immer wir für einen Freund tun oder leiden, ist angenehm, weil Liebe die Hauptursache der Lust ist.
Antwort auf den ersten Einwand: Ausgeben bereitet Lust, als Zeigen des eigenen Gutes. Aber insofern es uns unseres eigenen Gutes entleert, kann es eine Ursache der Traurigkeit sein; zum Beispiel wenn es übermäßig ist.
Antwort auf den zweiten Einwand: Verschwendung ist ein übermäßiges Ausgeben, welches unnatürlich ist: weshalb Verschwendung als der Natur entgegengesetzt bezeichnet wird.
Antwort auf den dritten Einwand: Zu überwinden, zu widersprechen und zu bestrafen bereitet Lust, nicht als auf das Übel des anderen gerichtet, sondern als zum eigenen Gut gehörend, welches der Mensch mehr liebt, als er das Übel des anderen hasst. Denn es ist natürlich angenehm zu überwinden, insofern es einen Menschen seine eigene Überlegenheit schätzen lässt. Weshalb all jene Spiele, in denen es ein Streben nach der Meisterschaft und eine Möglichkeit, sie zu gewinnen, gibt, die größte Lust gewähren: und allgemein gesprochen alle Wettkämpfe, insofern sie Hoffnung auf Sieg zulassen. Zu widersprechen und zu schelten kann auf zwei Weisen Lust bereiten. Erstens, als ließe es den Menschen sich einbilden, weise und vortrefflich zu sein; da es weisen Männern und Ältesten zukommt, zurechtzuweisen und zu schelten. Zweitens, insofern man durch Schelten und Zurechtweisen einem anderen Gutes tut: denn dies bereitet einem Lust, wie oben dargelegt. Es ist einem zornigen Menschen angenehm zu bestrafen, insofern er denkt, eine scheinbare Geringschätzung zu beseitigen, die auf eine vorherige Verletzung zurückzugehen scheint: denn wenn ein Mensch von einem anderen verletzt wird, scheint er dadurch geringgeschätzt zu werden; und deshalb wünscht er, von dieser Geringschätzung frei zu sein, indem er die Verletzung zurückzahlt. Und so ist es klar, dass Gutes tun an einem anderen an sich angenehm sein kann: wohingegen Übles tun an einem anderen nicht angenehm ist, außer insofern es das eigene Gut zu betreffen scheint.